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Wie es zur „biographischen Methode“ kam und was daraus geworden ist. Ein Kapitel aus der Geschichte der Sozialforschung Academic research paper on "Sociology"

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Academic research paper on topic "Wie es zur „biographischen Methode“ kam und was daraus geworden ist. Ein Kapitel aus der Geschichte der Sozialforschung"

Wie es zur „biographischen Methode" kam und was daraus geworden ist. Ein Kapitel aus der Geschichte der Sozialforschung

Martin Kohli

Freie Universität Berlin, Institut für Soziologie Garystraße 21, D-1000 Berlin 33

Zusammenfassung: Das gegenwärtige Interesse an der „biographischen Methode" bildet den Ausgangspunkt einer wissenschaftsgeschichtlichen Rekonstruktion ihrer Anfänge und Entwicklung mit dem Ziel, die Unklarheiten um diese Methode auszuräumen und ihre Lebenschancen zu beurteilen. Zunächst wird das klassische Werk von Thomas/Znaniecki "The Polish Peasant in Europe and America" diskutiert. Die entscheidende Phase seiner Wirkungsgeschichte war die Zeit um 1940, in der die biographische Methode - im Zusammenhang mit dem Hegemonieverlust der Chicagoer Soziologie - trotz institutionalisierter Stützungsversuche in die Marginalität abgedrängt wurde. Ein ganz anderer Verlauf ergab sich in der polnischen Soziologie, in der (angestoßen durch Znaniec-ki) eine besondere Tradition der biographischen Methode als biographische „Bewegung" entstand ein historisch einmaliger Fall einer methodischen Sonderentwicklung innerhalb einer nationalen Soziologiekultur. Den Schluß bilden einige Bemerkungen zum aktuellen Stand der Arbeit mit der biographischen Methode, die im Rahmen der Ansätze zu einer interpretativen Sozialforschung ihren spezifischen Platz hat.

1. Ausgangspunkt und Fragestellung

Die „biographische Methode" hat es in der deutschen sozialwissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahre zu bemerkenswerter Prominenz gebracht. Was von ihr erwartet wird, läßt sich in drei Punkten zusammenfassen (Kohli 1981b): Sie soll einen methodischen Zugang zum sozialen Leben ermöglichen, der 1. möglichst umfassend ist, 2. auch die Eigenperspektive der handelnden Subjekte thematisiert und 3. die historische Dimension berücksichtigt. Es handelt sich also um eine Frontstellung gegen die reduktionistischen, objektivistischen und statischen Tendenzen gängiger Traditionen.

Man kann nicht sagen, daß diese hohen Erwartungen bereits erfüllt seien. Dazu ist es schon deswegen zu früh, weil die Arbeit mit dem biographischen Ansatz in größerem Umfang erst begonnen hat. Neben den praktischen Schwierigkeiten, die in dieser Arbeit zu lösen sind, gibt es aber auch grundlegende Unklarheiten, welche die Erfolgschancen herabsetzen. Weder läßt sich in den verschiedenen wissenschaftlichen Unternehmungen, die den Begriff „biographische Methode" für sich in Anspruch nehmen, ein gemeinsames Verständnis davon feststellen noch wird genügend deutlich, worin sich die „biographische Methode" von andern Verfahren — vor allem im Rahmen der interpretativen Sozialforschung — abhebt.

Die vorliegende Arbeit ist vom Interesse motiviert diese Unklarheiten durch Vergegenwärti- r gung des Ursprungs und der Entwicklung der

„biographischen Methode" auszuräumen. Eine historische Analyse ist gerade diesem Ansatz besonders angemessen, verbindet sich doch mit ihm — analog zum Interesse an Gesellschaftsgeschichte — die Erwartung, auf dem Weg über eine historische Rekonstruktion des individuellen Lebens dessen Gegenwart „besser verstehen" zu können. Zugleich soll die Analyse der Gründe für das weitgehende Verschwinden der „biographischen Methode" aus der Wissenschaftsgeschichte nach ihrem frühen Aufschwung eine Einschätzung der Lebenschancen der aktuellen biographischen Forschung ermöglichen. Ich bin der Auffassung, daß durch die Fortschritte in der Grundlagendiskussion im Rahmen der interpretativen Sozialforschung heute für die „biographische Methode" eine bessere Ausgangslage besteht als in den 20er und 30er Jahren. Auf diese aktuelle Lage kann ich allerdings hier nur ganz knapp eingehen (Abschnitt 4); der Hauptteil der Arbeit besteht in der wissenschaftshistorischen Rekonstruktion der Ursprünge in den USA im Zusammenhang mit dem Werk von Thomas/Znaniecki (Abschnitt 2) und der Sonderentwicklung in der polnischen Soziologie (Abschnitt 3). Es wird hier also nicht ein systematischer Überblick über Verwendung, Verfahrensweise und Probleme der „biographischen Methode" gegeben1; systematische Überlegun-

1 Vgl. dazu den Artikel von Szczepanski (1962), der den Begriff „biographische Methode" in der deutsch-

sprachigen Methodendiskussion bekannt gemacht hat. Für die heutige Situation liegt noch kein ähnlich systematischer GâôSltcË voï; einige Ansätze

nli te2* fi»*" sid» in c'en Arbeiten, die in Abschnitt

4 zitiert werdenvja free acœss

gen werden nur so weit angestellt, als sie zur Klärung der wissenschaftsgeschichtlichen Fragen erforderlich sind.

Es wäre wenig ergiebig, sich im Rückblick strikt auf die methodologischen Fragen im engeren Sinn zu beschränken; sie müssen vielmehr im Rahmen der Gesamtentwicklung der Disziplin gesehen werden2. Ich gehe dabei drei Entwicklungssträngen nach: der gesellschaftlichen Realität, die der Disziplin die praktische Problemstellung vorgibt, der kognitiven Dynamik der grundwissenschaftlichen Ansätze und schließlich der institutionellen Dynamik der Disziplin als Organisationssystem. Dabei zeigt sich, daß die Geschichte der biographischen Methode nicht nur für diese selber instruktiv ist, sondern zumindest in ihren Anfängen ein wesentliches — heute kaum mehr wahrgenommenes — Kapitel der Geschichte der empirischen Sozialforschung darstellt.

2 In gewisser Hinsicht ist auch dieser Kontext noch zu eng. Die Wissenschaftsgeschichte sollte sich nicht auf die Geschichte einzelner Disziplinen beschränken, sondern Problemlagen in ihrer Entwicklung durch verschiedene Disziplinen hindurch analysieren und zu einer „Theorie der Disziplinbeziehungen" gelangen (Lepenies 1978). Dieses Postulat kann hier nur in Form vereinzelter Hinweise eingelöst werden. Generell ist zu betonen, daß die biographische Methode keineswegs eine Spezialität der Soziologie ist (für eine breitere Übersicht - vor allem mit Bezug auf Psychologie und Ethnologie - vgl. Paul 1979). Es sei daran erinnert, daß die Autobiographie am Anfang der Geschichte der empirischen Psychologie in Deutschland stand, nämlich in dem „Magazin für Erfahrungsseelenkunde", das von 1783-1793 erschien. Es wurde von Carl Philipp Moritz herausgegeben, der - mit seiner Autobiographie, dem „Anton Reiser" - in der Literaturhistorie gewöhnlich als Begründer des „psychologischen Romans" figuriert. Das Magazin sollte das Menschenstudium durch die Anregung und Veröffentlichung von „Herzensgeschichten" (d.h. von Autobiographien nach dem Muster der Konfessionen von Rousseau und Moritz) fördern; in seinem Gefolge erschienen weitere Sammlungen von Selbstbiographien (vgl. Misch 1969: IV/2: 784; Niggl 1977: 52). Allport - in seiner Geschichte der Verwendung persönlicher Dokumente in der Psychologie (1942) - scheint diese Tradition (wie auch andere, vgl. Paul 1979: II: 54) nicht zu kennen; dagegen weist Thomae (1952: 166) auf sie hin.

2. Der Beginn in den USA: Das Werk von Thomas/Znaniecki

2.1. Inhalt und Aufbau des Werks

Der unbestrittene Klassiker der biographischen Methode ist das monumentale Werk von Thomas/Znaniecki "The Polish Peasant in Europe and America" (1918—1920, hier zitiert nach der Ausgabe 1927)3. Wenn wir dieses Werk heute lesen, können wir auf eine Rezeptionsgeschichte zurückgreifen, die bereits eine institutionelle Objektivation aufweist, nämlich die Kommentare und Diskussionen im Rahmen seiner Behandlung durch den Social Science Research Council (SSRC) im Jahre 1939 (vgl. 2.6.). Wir lesen also ein Werk, das schon durch einen formalisierten Leseprozeß in einer einflußreichen Organisation des Wissenschaftssystems gegangen und darin - für die ganze Disziplin sichtbar — zum Klassiker erklärt worden ist4. Seither ist allerdings seine Resonanz stark geschwunden; von einer qualifizierten Rezeption konnte lange Zeit nicht mehr die Rede sein, und erst die jüngste Wiederbelebung des Interesses an biographischen Ansätzen hat eine gewisse Wende gebracht5.

Der Inhalt des Werkes besteht aus einem - bescheiden und irreführend als "methodological note" bezeichneten — grundlagentheoretischen Einleitungskapitel, gefolgt von den Darlegungen

3 Gegenüber der Originalausgabe in fünf Bänden wurden für die Ausgabe von 1927 die Teile in ihrer Reihenfolge umgestellt und auf nur noch zwei Bände verteilt. (Die Ausgabe von 1958 ist ein unveränderter Nachdruck derjenigen von 1927). Band I umfaßt die Seiten 1-1114, Band II 11152250. Da die beiden Bände durchpaginiert sind, verzichte ich bei den folgenden Zitaten auf die Angabe des Bandes.

4 Auch die frühen Übersichtswerke über die Geschichte der Soziologie und besonders der empirischen Forschung gehen ausführlich darauf ein. So bezeichnet Young (1966: 40; Orig. 1939) es als einen „Wendepunkt" in der Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode.

5 Ein Indiz dafür ist die Tatsache, daß Thomas und Znaniecki in der großen Geschichte der soziologi-

schen „Meister" von Coser (erstmals erschienen 1971) erst in der 2. Auflage von 1977 berücksichtigt 5/zfsoz_i 981.0304

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über soziale Organisation und Desorganisation im ländlichen Polen und unter den polnischen Immigranten in den USA. Diese Teile werden durch eine große Zahl von Dokumenten belegt. Für die Bedingungen in Polen sind es persönliche Briefe (hauptsächlich unter Familienangehörigen) und Leserbriefe an eine Zeitung, für diejenigen in den USA Briefe an die polnische Emigranten-Schutzorganisation sowie Akten von polnischen Kirchgemeinden, von Sozialfürsorgeinstanzen und Gerichten. Schließlich drucken Thomas/ Znaniecki eine mehr als 300 seitige Autobiographie eines jungen polnischen Emigranten namens Wladek Wiszniewski ab, die auf ihre Veranlassung verfaßt und von ihnen auf die Hälfte gekürzt wurde6. (Zum Verhältnis dieser verschiedenen Typen von „persönlichen Dokumenten" vgl. Abschnitt 2.3.)

Das Werk von Thomas/Znaniecki würde auch in inhaltlicher Hinsicht Besseres verdienen als das Schicksal eines vergessenen Klassikers. Wer die beiden — auch im Nachdruck von 1958 längst vergriffenen — dicken Bände zur Hand nimmt, kann sich der Faszination dieses Einblicks in eine fremde Welt schwer entziehen. Die Analyse kultureller Desorganisation und Reorganisation im Übergang von einer tradi-tionalen in eine moderne Kultur könnte z.B. einiges Licht werfen auf die aktuellen Akkul-turationsprobleme der Arbeitsemigranten aus dem Mittelmeerraum. Die Analyse der kulturellen (weniger der ökonomischen) Lebensbedingungen der polnischen Agrarbevölkerung er-

schließt dem westeuropäischen Leser vieles, was ihm die besondere Entwicklung dieses Landes besser verständlich macht. Nicht zuletzt wird er daran denken, daß parallel zur hier analysierten Massenemigration von Polen in die USA eine ebensolche in die industriellen Ballungsräume Westeuropas stattfand, etwa ins Ruhrgebiet — ein Prozeß, der heute zunehmend die Aufmerksamkeit der Sozialhistoriker findet (z.B. Kiessmann 1978).

2.2. Theoretischer Ansatz

Das zentrale Merkmal des theoretischen Ansatzes von Thomas/Znaniecki7 — dargelegt hauptsächlich in der „methodological note" -ist der Versuch zur Integration von „subjektiven" und „objektiven" Faktoren:

"( . . .) a nomothetic social science is possible only if all social becoming is viewed as the product of a continual interaction of individual consciousness and objective social reality. In this connection the human personality is both a continually producing factor and a continually produced result of social evolution, and this double relation expresses itself in every elementary social fact" (1927: 1831).

"The cause of a social or individual phenomenon is never another social or individual phenomenon alone, but always a combination of a social and an individual phenomenon." (1927: 44; im Orig. kursiv)

Die Autoren wenden sich damit gegen eine psychologistische Konzeption, in der Gesellschaft als aus psychischen Eigenschaften abgeleitet gedacht wird. Die eigentliche Stoßrichtung8 zielt

6 Thomas hat - auf die Aufforderung von L.L. Bernard hin, der eine Sammlung von Lebensberichten von Soziologen veranstalten wollte - selber eine ungemein ironische autobiographische Skizze verfaßt und darin beschrieben, wie er die biographische Methode „entdeckte": er fand eines regnerischen Tages in einem Durchgang hinter seinem Haus einen langen verlorengegangenen Brief eines Mädchens an seinen Vater, und als er ihn las, ging ihm blitzartig die Bedeutung solcher Briefe als soziologische Daten auf (Baker 1973: 250). Das ist die Geburtsstunde der biographischen Methode. Die Version, die Janowitz (1966: XXIV, zit. nach Paul 1979: I: 168) von dieser Geschichte Uberliefert, ist noch etwas dramatischer: Bei einem Gang durch das Polen-Viertel Chicagos habe plötzlich jemand Uber Thomas' Kopf einen MUlleimer geleert. Als er sich mit einem Sprung zur Seite rettete, sah er ein Paket Briefe zur Erde fallen. - Die von Bernard gesammelten Lebensgeschichten sind Übrigens anscheinend tishs: n«ea nicht gesamt!!..:; ' publiziert und ausgewertet worden.

7 Dieser bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt der Chicagoer Soziologie und damit der Theorierichtung, die zwanzig Jahre später als „Symbolischer Interaktionismus" bezeichnet' wurde. Für eine systematische Diskussion dieser Dimension der Wirkungsgeschichte sei auf die entsprechenden theoriegeschichtlichen Darstellungen verwiesen (z.B. Fisher/Strauss 1978).

8 Sie festzustellen wird dadurch erschwert, daß Thomas/Znaniecki sich kaum explizit mit anderen Autoren auseinandersetzen. In den 86 Seiten der einleitenden "methodological note" finden sich nur fünf namentliche Referenzen, und zwar neben drei relativ belanglosen positiven Verweisen (auf Wundt, Monis und Sumner) zwei negative (gegen Spencer und Dürkheim). Der letztgenannte Verweis zeigt wohl am ehesten den Stellenwert des Werks in der

Ol ,aiüi eiset sozialer, i'häncmens nur durch ein anderes soziales Phäro-non kritisiert (1927: 44).

aber wohl gegen eine soziologistische Konzeption, in der das Individuum als Handlungsträger nicht mehr vorkommt. In diesem Sinn läßt sich sagen, daß Thomas/Znaniecki die Bedeutung von Subjektivität in sozialen Prozessen betonen. Der methodologische Schluß daraus lautet, daß nur solche Methoden für sozialwissenschaftliche Untersuchungen geeignet sind, in denen auch die subjektive Seite faßbar wird. Diese theoretische und methodologische Stoßrichtung wird durch das folgende Zitat (aus der Einleitung zur Autobiographie von Wladek) verdeutlicht:

"(. . .) social science cannot remain on the surface of social becoming where certain schools wish to have it float, but must reach the actual human experiences and attitudes which constitute the full, live, and active social reality beneath the formal organization of social institutions, or behind the statistically tabulated mass-phenomena which taken in themselves are nothing but symptoms of unknown causal processes and can serve only as provisional ground for sociological hypotheses." (1927: 1834)

Die objektiven Aspekte bezeichnen Thomas/ Znaniecki mit dem Begriff "value", die subjektiven mit dem Begriff "attitude" (1927: 2If)- Der Begriff "value" meint aber nicht einfach einen objektiven Tatbestand, sondern ein Objekt, das eine Bedeutung als Objekt von Handlungen hat. Objekte sind also nur als Träger von Bedeutungen relevant, und die Bedeutungen ergeben sich aus den menschlichen Handlungsproblemen. Znaniecki hat dies in seinem späteren Buch über die Methode der Soziologie (1934) unter dem Begriff „humanistischer Koeffizient" weiter ausgeführt; damit bezeichnet er — in Abhebung von der naturwissenschaftlichen Perspektive — den Sinn- bzw. Handlungsbezug von sozialwissenschaftlichen Tatbeständen: "The data of the cultural Student are always'somebody's', never 'nobody's' data" (1934: 37). Ebenso wird "attitude" von einer eigenschaftspsychologischen Fassung abgehoben und als Handlungstendenz definiert (vgl. Blumer 1939: 21):

"The psychological process remains always fundamentally a state of somebody; the attitude always fundamentally an attitude toward something." (1927: 23)

Sowohl die objektive wie die subjektive Seite werden also nicht als in sich ruhende, eigengesetzlich organisierte (und voneinander getrennte) Welten konzeptualisiert, sondern sind um Handlungsprobleme herum organisiert und durch sie verbunden. Downloaded from De Gruyter

Mit dieser interessanten Konzeption befinden sich die Autoren in Übereinstimmung mit den Grundlagen einer pragmatischen Theorie der Sozialwelt, wie sie zu gleicher Zeit von Mead entwickelt wurden (vgl. Joas 1980). Ihre Begrifflichkeit hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Der Einstellungsbegriff wurde später abgewandelt und in dieser Form zu einem Zentralbegriff der quantitativen Sozialpsychologie; der Wertbegriff

— der von Znaniecki stammt und vom ihm später weiter ausgeführt wurde (vgl. Znaniecki: 1934)

— erhielt eine ganz andere Fassung. Daran ist wohl auch die theoretische Unschärfe schuld, die von Blumer (1939: 24ff) mit Recht kritisiert und von Thomas (1939: 83) in seiner Stellungsnahme zu Blumers Kritik eingestanden wurde, wobei er als Entschuldigung auf die besonderen Umstände der Abfassung dieses "Essays", wie er die "methodological note" rückblickend nannte, verwies. Einen zweiten Grund sehe ich in dem, was man

— in Analogie zu Habermas' Freud-Interpretation — als „positivistisches Selbstmißverständnis" der Autoren bezeichnen könnte, nämlich in ihrem Anspruch auf Formulierung einer „nomothetischen" Sozialwissenschaft auf der Grundlage von „Gesetzen" sozialer Entwicklung9. Sie konnten sich offenbar Wissenschaftlichkeit nur nach dem Modell der Naturwissenschaften vorstellen. Daß sie damit scheiterten, wurde in Blumers Kritik deutlich, der — obwohl selber keineswegs anders argumentierend — nachwies, daß sie im materiellen Teil ihres Werks kein einziges solches „Gesetz" formulieren konnten10.

Ein anderes Konzept dagegen hat eine brillante wissenschaftliche Karriere gemacht, nämlich dasjenige der „Definition der Situation" (1927: 68). Die Autoren bezeichnen damit den Interpretationsprozeß, der sich auf Werte und Einstellungen bezieht und sie in einer aktuellen Situation konkretisiert:

9 Bei Znaniecki, der später einen profilierteren kulturwissenschaftlichen Standpunkt entwickelte, finden sich Anklänge an ein solches,Selbstmißverständnis' noch in dem merkwürdigen Begriffszwitter „humanistischer Koeffizient".

10 Thomas' Vorschlag (in Blumer 1939: 84), von einer deterministischen auf eine probabilistische Fassung von Zusammenhängen überzugehen, nimmt vieles von der späteren Entwicklungsrichtung der

empirischer. StefeftZistäSdhBöäi vorweg, aber löst ml das snjwsfiocheiii; Grani:a«emw,blern auch nicht.

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"Every concrete activity is the solution of a situation. The situation involves three kinds of data: (1) The objective conditions (. . .). (2) The pre-existing attitudes (...). (3) The definition of the situation, that ist, the more or less clear conception of the conditions and consciousness of the attitudes. And the definition of the situation is a necessary preliminary to any act of the will, for in given conditions and with a given set of attitudes an indefinite plurality of actions is possible, and one definite action can appear only if these conditions are selected, interpreted, and combined in a determined way and if a certain systematization of these attitudes is reached (...) usually there is a process of reflection after which either a ready social definition is applied or a new personal definition worked out." (1927: 680

Mit diesem Konzept wird klargestellt, daß Handlungen nicht aus dem Zusammentreffen von be-deutungshaltigen Objekten und (überdauernden) individuellen Handlungstendenzen ableitbar sind, sondern daß beides vom Individuum in der aktuellen Situation in einem kognitiven Prozeß spezifisch aufeinander bezogen wird. Zugleich verschwimmen dabei allerdings die beiden übergeordneten Grundkonzepte noch mehr. Insgesamt ist bei der Beurteilung des theoretischen Ansatzes von Thomas/Znaniecki der Einschätzung von Blumer (1939 : 27) zuzustimmen, daß sie ihre konzeptuellen Vorgaben in ihrem Werk im Detail nicht einlösen konnten, wohl aber in der grundlegenden Unterscheidung von objektivem und subjektivem Faktor und ihrer Interaktion erfolgreich waren. ,

Ein häufiges Mißverständnis ist hier auszuräumen, nämlich das des „Subjektivismus". Die Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft ist bei Thomas/Znaniecki nicht auf individuelle Prozesse gerichtet, sondern auf soziale Aggregate. Dies gilt auch für die eingesetzten Methoden, insbesondere die Autobiographie. Obwohl es sich bei ihr um die ausführliche Darstellung eines einzelnen Lebens handelt, ist nicht dieses für sich das Objekt der Analyse, sondern der Einzelne als Repräsentant einer Gruppe oder Kultur". Nicht Persönlichkeitsorganisation, sondern soziale Organisation ist das Thema12. Der Zugang über die Sicht des einzel-

11 In der Ethnologie dagegen war eines der Ausgangsprobleme für die biographische Methode die überraschende Erkenntnis, daß auch die Mitglieder primitiver Kulturen individuell differenzierte Persönlichkeiten sind (Paul 1979).

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12 Soweit différentielle Aspekte angesprochen werden

- z.B. in der typologischen Unterscheidung zwi-

nen Handelnden ist deshalb erforderlich, weil soziale Organisation als Organisation von Handlungsproblemen zu konzeptualisieren ist. Individualität ist sowohl ein Ergebnis wie eine Voraussetzung sozialer Prozesse.

2.3. Lebensgeschichten als besonderer Typ „persönlicher Dokumente"

Die meisten frühen Autoren definieren die biographische Methode als „Methode persönlicher Dokumente", d.h. solcher Texte, die den Standpunkt des Handelnden, den von ihm gemeinten Sinn zur Geltung bringen (vgl. Szczepanski 1962: 555f). Dazu gehören Biographien, Tagebücher, Briefe, Zeugenaussagen und vieles mehr. Worin unterscheiden sich aber Biographien im eigentlichen Sinn — genauer Autobiographien, d.h. selbst erzählte Lebensgeschichten oder Geschichten wichtiger Teilabschnitte des Lebens -von diesem ganzen Strauß von andern „persönlichen Dokumenten"? Die Diskussion im SSRC (Blumer 1939) geht kaum auf diese Unterscheidung ein, sondern bleibt kommentarlos beim weiteren Begriffsverständnis, d.h. der Gleichsetzung von biographischem mit „persönlichem" Material13. Diese mangelnde Differenzierung hat bis heute zur Konfusion beigetragen, eine genaue Bestimmung des Biographischen an der biographischen Methode erschwert und damit ihre Durchsetzungschancen im Konkurrenz* kämpf zwischen den Methoden verringert.

Thomas/Znaniecki verwenden — wie erwähnt — verschiedene Typen von „persönlichen Dokumenten", sie schätzen aber Lebensbeschreibungen höher ein als alle anderen Typen14:

sehen „Philister" und „Boheme" dienen sie diesem übergeordneten Ziel: eine solche Theorie der „Sozialpersönlichkeit" ist die Voraussetzung für die Unterscheidung von Handlungstypen im Rahmen sozialer Organisation.

13 Gleiches geschieht auch heute noch. So setzt Denzin (1970) die "life history method" ganz selbstverständlich mit der "case study method" identisch und

gibt folgende Definition: "Life history materials include any record or document, including the case histories of social agencies, that throws light on the subjective behavior of individuals or groups" (1970: 220). Eine zusätzliche Unklarheit wird hier mit dem begrifflichen Monstrum "subjective behavior" produziert 5/zfsoz-1981-0304

14 in ^eiefiem^fnt^ B'gu^ment'ieU^zczepanski (1962: 557) v ee access

"(. . . ) even when we are searching for abstract laws life-records of concrete personalities have a marked superiority over any other kind of materials. We are safe in saying that personal life-records, as complete as possible, constitute the perfect type of sociological material, and that if social science has to use other materials at all it is only because of the practical difficulty of obtaining at the moment a sufficient number of such records to cover the totality of sociological problems, and of the enormous amount of work demanded for adequate analysis of all personal materials necessary to characterize the life of a social group." (1927: 1832f)

Aus diesem Zitat wird nochmals deutlich, was im vorigen Abschnitt gesagt wurde: das Interesse an der Verwendung von Lebensgeschichten ist ein soziologisches, nicht ein psychologisches. Worin denn nun aber die besonderen Merkmale von "personal life-records" im Unterschied zu den anderen Typen von „persönlichen Dokumenten" bestehen, wird von den Autoren nicht thematisiert. Sie scheinen die Unterscheidung für selbstverständlich zu halten, und die Struktur autobiographischer Texte ist für sie offensichtlich nicht weiter klärungsbedürftig. In ihren methodischen Bemerkungen gehen sie ausschließlich darauf ein, für welche Fragen persönliche Lebensbeschreibungen ergiebig seien. Ihr Vertrauen in die Autobiographie stützt sich darauf, daß darin der subjektive Standpunkt des Handelnden zur Geltung kommt, und zwar — wie sie zu meinen scheinen - in seiner „Totalität". Warum Subjektivität über Lebensgeschichten eingeholt werden soll, ist ihnen kein Problem. Weder wird von ihnen gesehen, daß biographische Materialien eine Geschichte konstituieren — was unter anderem heißt, daß sie notwendig selektiv sind —, noch wird ihnen ihr Charakter als Text deutlich. Sie behandeln biographische Materialien stattdessen — abgesehen von einzelnen Kommentaren zur Erzählweise (vgl. Fuchs 1979b: 21 f) — als problemlos Gegebenes. Einzig die Frage nach dem „Persönlichkeitstyp" ihres Autobiographen (als Voraussetzung für die Beurteilung der Repräsentativi-tät seines Berichts) und nach seiner „Aufrichtigkeit" (also nach seiner subjektiven Intention) wird von ihnen gestellt; mit letzterem befinden sie sich auf einer Diskussionsebene, die den frühen Überlegungen über den Aussagewert autobiographischer Texte vom Anfang des 18. Jahrhunderts entspricht (vgl. Kohli 1981b). Auch den Bedingungen, unter denen die Autobiogra-

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phie verfaßt wurde, schenken sie keine Aufmerksamkeit15.

Was die Autoren hier versäumen, leisten sie dagegen für andere Typen von Dokumenten, z.B. für die Briefe. In einem Kapitel über "Form and function of the peasant letter" (1927: 303 ff) gehen sie ausführlich auf den Stellenwert des Briefeschreibens im Alltag der polnischen Familien und auf die verfügbaren Ausdrucksmittel ein. Sie behandeln die Briefe damit nicht als nicht weiter zu hinterfragende Gegebenheit und als direkte Widerspiegelung der Realität, sondern als textliche Objektivationen, die bestimmten praktischen Interessen entspringen und an bestimmte Kodierungsschemata gebunden sind. Damit schaffen sie die methodischen Voraussetzungen für eine Verwendung der Briefe als empirische Daten, nämlich die Klärung ihres Konstitutionsprozesses und ihrer Struktur. Zugleich leisten sie einen inhaltlichen Beitrag zu ihrem Thema, indem sie die Briefe als ein zentrales Medium der Kommunikation und Selbstvergewis-serung in der bäuerlichen Kultur vorstellen. In ähnlicher Weise gehen sie auf die Funktion und Struktur der bäuerlichen Presse und ihrer Leserbriefe ein.

2.4. Verhältnis von Daten und Theorie

Ein anderer Punkt im Umgang der Autoren mit ihren empirischen Materialien ist problematisch: Sie geben keine Auskunft darüber, welche davon sie schließlich in die Publikation aufnahmen, nach welchen Kriterien sie z.B. aus den gesammelten 15.000 Briefen die 764 selegierten, die in ihrem Werk abgedruckt sind. Eine Ubersicht über das Gesamtmaterial fehlt, so daß dessen quantitatives Verhältnis zu den publizierten Dokumenten vom Leser nicht rekonstruiert werden kann.

Völlig im Dunkeln bleibt der Prozeß, in dem aus den Daten theoretische Schlüsse gezogen bzw. sie zur Überprüfung theoretischer Hypothesen verwendet wurden. Zunächst ist festzuhalten,

15 Vgl. dazu die plausible Vermutung von Fuchs (1979b: 22), die Breite von Wladeks Darstellung könnte damit zusammenhängen, daß er nach Seitenzahl bezahlt wurde.

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daß die Dokumente keineswegs „für sich selbst sprechen" und von Thomas/Znaniecki auch nicht in dieser Weise präsentiert werden. Vielmehr stellen sie ihnen ausführliche „Einleitungen" voran und kommentieren sie mit zahlreichen Fußnoten, die den Kontext der berichteten Ereignisse skizzieren, sie mit theoretischen Überlegungen konfrontieren und Einschätzun- ; gen ihres Informationsgehaltes geben. Die Autoren beanspruchen aber implizit, ihre Theorie auf der Grundlage der Daten formuliert zu haben. Ein solch induktives Vorgehen läßt sich indessen konkret nicht feststellen; andererseits gibt es auch keine Belege für ein deduktives Vorgehen, in dem die Daten zur Entscheidung über vorgängig gewonnene theoretische Sätze dienen. Dieses unklare Verhältnis von Daten und Theorie ist einer der Hauptpunkte von Blumers Kritik. Er mißt die Autoren an ihrem induktiven Anspruch und stellt — bezogen zunächst auf die Briefe, dann aber auch auf die übrigen Materialtypen — mit Recht fest, daß sie ihn nicht einlösen:

"(...) it is clear that the letters get their meaning and significance from the introductions and footnotes rather than vice versa. Were an intelligent reader with no knowledge of Polish culture or peasant life given merely the letters to study, it is inconceivable, in the judgement of the writer, that he could ever arrive at the characterization of Polish peasant society presented by the authors." (Blumer 1939: 32)

"It seems quite clear that, in interpreting the letters, the authors have brought to bear upon them a framework of knowledge, information, and perspective that far transcends the letters themselves. This framework must have been based on an intimate knowledge of Polish peasant life, derived from a wide variety of sources." (1939: 33)16

Blumer hält die Briefe aber auch nicht für eine bloße Illustration der Theorie; das tatsächliche Verhältnis von Daten und Theorie liegt irgendwo dazwischen:

"(. . .) it may be said that the letters considered by themselves are not very meaningful; it is also clear that the theoretical analyses, if left to stand by themselves, would be formal, abstract, and rather dogmatic. The merging of the two does yield a concreteness and appreciative understanding that cannot be stated either as a mere illustration of the theory, nor as an inductive grounding of that theory. There seems to be involved a new relation, perhaps more in the nature of a psychological than of a logical relation, that so far has not been stated or made clear." (1939: 39)

16 Das gleiche weist Fuchs (1979b: 15 ff) mit Bezug auf die Fußnoten au Wl^ie-a Autc.Wogro;Jite inj r einzelnen nach.

An diesem Punkt hakt sich auch die Diskussion im SSRC fest, ohne dazu viel Neues zutage zu fördern. Es sind zwei Probleme, die hier zur Debatte stehen: die Verfahren der Theoriebildung und -Überprüfung sowie die Verfahren der Datenanalyse. Zum ersten Problem bringt das Werk von Thomas/Znaniecki eine wichtige Klärung: die empirischen Materialien enthalten ihre theoretische Bedeutung nicht in sich selbst, sondern werden erst dadurch sinnvoll interpretierbar, daß sie in einen theoretischen Kontext gestellt werden. Das folgt schon aus dem theoretischen Grundansatz von Thomas/Znaniecki: sie wollen die subjektive Seite mit der objektiven verbinden; sie wollen über Materialien, die die subjektive Perspektive einzelner Individuen wiedergeben, zu einer Gesellschaftsanalyse vorstoßen. Dazu ist es erforderlich, den Standpunkt der Handelnden zu rekonstruieren, aber ebenso, nicht dabei stehen zu bleiben. Dennoch meinen die Autoren, sich an den Anspruch halten zu müssen, daß die Theorie vollständig aus den Daten ableitbar bzw. induktiv generalisierbar zu sein habe. Sie sehen nicht, daß eine Verwendung der Daten, wie sie sie anstreben, notwendigerweise einen theoretischen Rahmen voraussetzt, der über die Daten hinausgeht, aber durch sie konkretisiert und weiterentwickelt wird. Ein solches in den Grundsätzen hermeneutisches Vorgehen ist ihnen als explizite methodologische Konzeption nicht zugänglich.

Zum Problem der Datenanalyse tragen Thomas/ Znaniecki nichts bei. Ihre Interpretation des Materials zerfällt in zwei Teile: einerseits gesamthafte Kommentare, die den einzelnen Materialbeständen vorangestellt werden, ohne Bezug auf spezifische Dokumente oder gar Textstellen und damit ohne Unterscheidung zwischen dem, was vom Material getragen wird, und dem, was aus dem theoretischen Vorwissen stammt; andererseits verstreute Einzelkommentare in Form von Fußnoten.

2.5. Gesellschaftlicher Problemdruck

Das Werk von Thomas/Znaniecki ist Ausdruck einer engagierten Bearbeitung bestimmter gesellschaftlicher Problemlagen, nämlich der Existenz fremder Einwandererkulturen in den amerikanischen Bdhmgjgebisten und der Schwierigkeiten ihrer Integration. Das wird allerdings aus den von den Autoren selber gesetzten Akzen-

ten zunächst nicht deutlich. Für manchen heutigen Leser, der sich der biographischen Methode aus Enttäuschung über die geltenden Kanons von Wissenschaftlichkeit zuwendet, mag es eine erneute Enttäuschung sein, wenn er feststellt, daß Thomas/Znaniecki gerade den Charakter ihrer Untersuchung als strenge Wissenschaft hervorheben und sich von den naiven Weltverbesserern absetzen. Ihr gundwissenschaftliches Interesse machen sie mit dem Hinweis deutlich, daß es ihnen nicht primär um den polnischen Bauern ging, sondern dieser als passendes Objekt für die Exemplifizierung eines (theoretischen) Standpunkts und einer Methode diente (1927: viii). Diese Haltung entspricht ihrer oben dokumentierten „nomothetischen" Absicht.

Trotz dieser Emphase ist nicht zu verkennen, daß hinter der Untersuchung auch ein klares sozialpraktisches Interesse steht, das an einzelnen Stellen auch ausgesprochen wird17. Thomas war — ähnlich wie Dewey and Mead18— ein radikaldemokratischer Intellektueller, seit dem Beginn seiner Tätigkeit in Chicago stark sozialre-formerisch engagiert (Coser 1977: 550), ebenso wie seine Frau19. Für Znaniecki ist dies noch offensichtlicher (vgl. 3.2.).

Zu fragen ist dabei nicht nur nach der persönlichen Motivierung der Themenwahl, sondern mehr noch danach, wie weit das persönliche Engagement auch für den theoretischen und me-

17 So etwa, wenn Thomas/Znaniecki die Wahl von Wladek als einem Vertreter der kulturell passiven Masse damit begründen, daß gerade die Untersuchung der sozialen Determinanten dieser Passivität die wirkungsvollste Kritik an der überkommenen sozialen Organisation und damit die Voraussetzung für Demokratisierung sei (1927: 1907 0-

18 Zu letzterem vgl. Joas (1980).

19 Coser vermutet, daß deren Engagement - das den konservativen Kreisen in Chicago ein Dorn im Auge war - der eigentliche Grund für das Aufbauschen der Affäre war, die 1918 zu Thomas' Entlassung von der University of Chicago führte. Für ihn ist dieser Vorfall "one of the shameful chapters in the history of American universities" (1977: 535). Die Universität versuchte im folgenden, auch die Erinnerung an Thomas' mehr als zwanzigjähriges Wirken in Chicago zu tilgen. Daß auch heute noch Soziologiehistoriker sich an ähnlicher Desinformation beteiligen, zeigt die Bemerkung von Martindale (1976: 136), Thomas sei „durch persönliche Tragik zum Rücktritt gezwungen" worden. r

thodischen Ansatz produktiv wurde. In einer sorgfältigen Analyse der Leitideen, die sich durch Meads Werk hindurchziehen, hat Joas (1980) gezeigt, welche Impulse dafür von Meads sozialpolitischen Interessen ausgingen. Ähnliches ließe sich wahrscheinlich für Thomas belegen. Eine Entsprechung ist jedenfalls ohne weiteres nachzuweisen. Thomas hat sich sowohl in seinem praktischen Engagement wie in seinem wissenschaftlichen Werk mit fremden Kulturen, Minoritäten und Devianten beschäftigt. Dabei geht es ihm — im "Polish peasant" wie in andern Untersuchungen, z.B. derjenigen über Prostitution (1923) — um den Nachweis, daß solche Kulturen, wenn man sie von innen versteht, eine eigene sinnvolle Lebensform haben, strukturell nicht unähnlich derjenigen der hegemonialen Kultur, wenn auch unter andern sozialen Bedingungen entstanden und deshalb mit andern inhaltlichen Akzenten. Es geht um den Nachweis der internen Logik und — moralisch gesprochen — der eigenen Würde anderer bzw. „abweichender" Kulturen. Thomas' Werk entspricht in diesem Punkt ebenso dem Programm des Historismus für den Zugang zu vergangenen Epochen wie demjenigen der heutigen Ansätze zu einer sozialwissenschaftlichen Methodologie des Fremdverstehens. Als zweites wird nachgewiesen, daß Defizite und Desorganisationsformen der abweichenden Kulturen sozial produziert sind. Gerade für die Analyse der Geschichte solcher Desorganisationen bieten biographische Materialien — als Innendarstellung dessen, „wie es dazu gekommen ist" — besonders gute Chancen. Es ist bezeichnend, daß die biographische Methode im Rahmen des Symbolischen Interaktionismus vor allem in der Analyse von Devianz weiterverwendet wurde — in einer Reihe von Studien, die wir heute als Vorläufer eines neuen sozialwissenschaftlichen Verständnisses von Abweichung lesen können.

Es dürfte wenig erfolgversprechend sein, den Ansatz von Thomas/Znaniecki zur Analyse fremder Kulturen — im Sinn einer externalistischen Deutung der Wissenschaftsentwicklung — aus dem gesellschaftlichen Problemdruck, der sich aus der massiven Immigration aus Ost-und Südeuropa ergab, einfach „abzuleiten" zu suchen. Wohl aber ist es plausibel, daß der Problemdruck einem solchen Ansatz besonders günstige Chancen bot. In gleicher Weise kann gefragt werden, ob der spätere Ruckgang der biographischen Methode zum Teil durch eine Veränderung via free access

der gesellschaftlichen Problemlagen mit verursacht wurde. Daß es einen solchen Rückgang gab, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Debatte im SSRC erfolgte zu einer Zeit, als der Höhepunkt dieses Ansatzes bereits vorüber war; die methodischen Gutachten von Allport (1942) und Gottschalk et al. (1945) vermochten diese Entwicklung nicht zu stoppen. Die biographische Methode wurde im Rahmen der "mainstream sociology" selber deviant und verschwand in der Versenkung. Die Chicagoer Soziologie verlor ihre dominierende Stellung, und andere Ansätze wurden hegemonial: im theoretischen Bereich der Struktur-Funktionalismus, im empirischen die quantitative Einstellungsforschung. Der neue gesellschaftliche Problemdruck stand im Zusammenhang mit der Überwindung der Wirtschaftskrise und später der gesellschaftlichen Formierung für den Krieg. Möglicherweise bot dies den „hermeneutischen" Ansätzen weniger gute Entwicklungsbedingungen. Jedenfalls war der Durchbruch der quantitativen Einstellungsforschung eng verbunden mit der In-dienstnahme der Soziologie für die Kriegsmobilisierung, wofür die Arbeiten unter Leitung von Stouffer und Lazarsfeld als Beispiele stehen.

2.6. Rezeption im Wissenschaftssystem

Nach der Behandlung der theoretischen und methodologischen Aspekte und des gesellschaftlichen Problemdrucks bleibt als letzter Punkt der Geschichte des Werks von Thomas/Znaniecki seine Rezeption in den Institutionen des Wissenschaftssystem zu untersuchen. Diese Perspektive ist im vorliegenden Fall besonders naheliegend, weil das Werk — wie bereits erwähnt — den Gegenstand einer formellen Begutachtung durch den SSRC bildete. Diese institutionelle Rezeption ist ein bemerkenswertes Ereignis, das eine nähere Analyse unter wissenschaftsgeschichtlichen Prämissen verdienen würde.

Der SSRC war 1923 zur Förderung der Sozialwissenschaften und ihrer Vertretung gegenüber außen (v.a. gegenüber der öffentlichen Hand) gegründet worden. An seiner Jahresversammlung 1937 wurde Kritik daran geübt, daß er sich zu sehr auf finanzielle und administrative Aspekte beschränkt hatte. Zur Förderung der wissenschaftlichen Komponente wurde u.a. beschlossen, kritische Einschätzungen (appraisals) von Forschungsarbeiten durchzuführen, und diese Aufgabe einem Komitee übertragen. "It was deemed advisable first to subject to critical analysis a selection of studies which were held in high regard by qutüfkd sp?calUts. iQeh äruyter

of the committee communicated with some twenty or thirty of the outstanding workers in the discipline of his special competence, both older men of established reputation and younger men of exceptional promise being included, asking each informant to submit a list of three to six works, published in the United States since the Great War, which in the informant's judgment had made the most significant contributions to knowledge in the particular discipline (...) As might have been expected, the returns of the informants exhibited a good deal of scattering, but they left no doubt that certain books in each field were held in high repute. From these the committee made a selection of six to be subjected to critical appraisal" (E. D. Day, in Blumer 1939: xi). Für die Soziologie war das das Werk von Thomas/Znaniecki. Herbert Blumer wurde vom Komittee mit einer ausfuhrlichen Kritik beauftragt, die zusammen mit Kommentaren von Thomas und Znaniecki die Grundlage für eine Konferenz am 10. Dezember 1938 bildete. Daran nahmen elf weitere Sozialwissenschaftler teil (u.a. G. Allport, G.P. Murdock, S.A. Stouffer, W.W. Waller und L. Wirth). Kritik, Kommentare und Diskussion bilden den Inhalt der Publikation, die vom SSRC unter Blumers Namen veröffentlicht wurde (Blumer 1939). Im folgenden Jahr erschienen* noch zwei analoge Kritiken eines ökonomischen und eines historischen Werkes. Nach der Konferenz wurde beschlossen, eine zweite Stufe anzuschließen, die sich mit der Methode der persönlichen Dokumente und im besonderen mit ihrer Weiterentwicklung in den zwanzig Jahren seit dem Werk von Thomas/Znaniecki beschäftigen sollte. Dazu wurden vier weitere Gutachten bestellt. Als erstes davon erschien die ausgezeichnete Monographie von Allport (1942) über die Verwendung persönlicher Dokumente in der Psychologie. Die drei übrigen kürzeren Gutachten - über die Entwicklung in der Geschichtswissenschaft (Gottschalk), der Anthropologie (Kluckhohn) und der Soziologie (Angell) - wurden gemeinsam publiziert (Gottschalk et al. 1945). In einer dritten Stufe sollten methodologische Experimente über die Verwendung persönlicher Dokumente durchgeführt werden (Redfield, Vorwort in Gottschalk et al. 1945: xi), was aber offenbar nicht mehr zu entsprechenden Publikationen führte.

Soweit das Gerippe der Fakten, die sich den genannten Publikationen entnehmen lassen. Sie werfen verschiedene Fragen auf. Wie kam es dazu, daß in der Soziologie die Wahl gerade auf das Werk von Thomas/Znaniecki fiel? War dies ein „natürlicher" Prozeß auf der Grundlage eines breiten Konsenses in der Disziplin oder fanden dabei strategische Weichenstellungen statt — und wenn ja, mit welchem Ziel? Wurde bereits die Auswahl der "outstanding workers" von bestimmten inhaltlichen Präferenzen der entscheidenden Leute im SSRC gesteuert? Wie fiel die Wahl für den Kritiker auf Herbert Blumer? Waruni vpjide dieses Werk als erstes be-htmdeát? Warum wurde «3 ais einziges als Grundvia free access

läge für eine weiterführende Begutachtung herangezogen und warum wurde diese auf den methodischen Aspekt konzentriert? Welche Absichten verbanden sich mit der Vergabe von Gutachten auch in anderen Disziplinen als der Soziologie? Welche Wirkung wurde mit diesen Gutachten erreicht? Warum kam die dritte Stufe nicht zu einem erfolgreichen Abschluß?

Eine Antwort auf diese und ähnliche Fragen würde eine institutionsgeschichtliche Untersuchung des SSRC (speziell in seiner Bedeutung als wissenschaftliche Selektions- und Steuerungsinstanz) voraussetzen. Solange eine solche nicht verfügbar ist, muß ich mich mit einigen spekulativen Überlegungen begnügen. Eine ausgezeichnete Analyse der Fraktionierungen und Machtkämpfe in der USA-Soziologie der frühen 30er Jahre ist kürzlich von Lengermann (1979) vorgelegt worden20. Sie zeigt, wie die Dominanz der Chicagoer Soziologie — und damit in gewisser Weise auch des Ansatzes, der später „Symbolischer Interaktionismus" genannt wurde — angefochten wurde, welchen Verlauf die Auseinandersetzungen nahmen und zu welchen institutionellen Resultaten sie führten. Im Widerspruch zu früheren Deutungen dieses Prozesses kann sie empirisch belegen, daß es zu einer — zumindest temporären — Koalition zwischen den „ChicagoSoziologen" und den „Quantifizierern" zur Abwehr der „Rebellen" kam, die allerdings nicht verhindern konnte, daß 1935 die institutionelle Dominanz der Chicagoer gebrochen wurde, indem andere Leute in die Führungspositionen der (neu benannten) "American Sociological Association" gewählt wurden und in Konkurrenz zum "American Journal of Sociology" eine neue offizielle Zeitschrift (die "American Sociological Review") gegründet wurde.

Es mag sein, daß der „Wettbewerb" des SSRC (soweit er überhaupt durch die Soziologen gesteuert wurde) einen Versuch darstellte, nach dem Verlust der Macht in der Berufsorganisation der Soziologen die eigene Stellung im Wissenschaftssystem über andere Institutionen — in ähnlicher Weise wie durch die Gründung der "Sociological Research Association" (vgl. Lengermann 1979: 191) - abzusichern. Es ist denkbar, daß die „Chicagoer" dabei die Koalition mit den

„Quantifizierern" aufrechtzuerhalten suchten. Thomas selber war durch seine zweite Frau (ursprünglich eine Statistikerin) in die Nähe der letzteren geraten.

Wenn dies die Intentionen der SSRC-Veranstal-ter waren, so haben sie ihr Ziel nicht erreicht. Die Konferenz von 1938 war keine Sternstunde der empirischen Soziologie, ihre Wirkung auf die weitere Entwicklung in der Disziplin blieb gering. Auch die zweite Runde von Gutachten konnte daran offensichtlich nichts ändern. Die Kodifizierung der Sozialforschung und die Etablierung eines methodologischen Kanons nahm eine andere Richtung. Neben den genannten möglichen externen Gründen — Verschiebungen der gesellschaftlichen Problemlagen — wären andere institutionelle Gründe dafür zu suchen. Insgesamt wirkte sich wohl die institutionelle Dynamik des Wissenschaftssystems nach der langen Hegemonie der „Chicagoer Soziologie" nun gegen sie aus. In der SSRC-Debatte traten aber auch die inneren Schwächen des Ansatzes von Thomas/ Znaniecki deutlich zutage. Hinsichtlich der methodologischen Konzeption ergab sich aus der versuchten Annäherung an das naturwissenschaftlich-objektivistische Modell — wie es etwa von Stouffer aus der Psychometrik in die Soziologie übernommen wurde — eine gewisse Unentschlossenheit, die den eigenen Ansatz verwässerte. Das wird in der Argumentation von Thomas an der SSRC-Konferenz ebenso deutlich wie in Blumers Kritik21. Dabei ist vielleicht weniger an eine bewußte (taktisch motivierte) Anbiederung zu denken als an eine Unfähigkeit, die eigene Position auf kommunikationstheore-tisch-hermeneutischer Grundlage zu rekonstruieren. Spuren sind davon auch noch bei Znaniecki zu finden; immerhin ist er (in seinem Kommentar zu Blumers Kritik) der einzige, der hier weiterführende Überlegungen einbringt, in denen Argumentationen aus seinem Methoden-Buch (1934) anklingen. Zweifellos war die Quantifizierung der Sozialforschung eine wichtige und in mancher Hinsicht sehr produktive Entwicklung. Der Ansatz, der durch das Werk von Thomas/ Znaniecki verkörpert wird, wurde aber unter seinem Wert geschlagen und vermochte sich dadurch

20 Sie hat damit Martindales (1976: 121) Behauptung, die Fakten der Geschichte der Soziologie jener Zeit seien im wesentlichen bekamt, schlagend widert.

21 Lengermann (1979: 192) sieht in Blumers Papier (1939) eine „öffentliche Stellungnahme" von Chi-

Or UndbeWertet

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nicht als ausdifferenzierte Gegenposition zu halten und zu entfalten.

3. Die Traditionsbildung in der polnischen Soziologie

3.1. Polen als Sonderfall

Einzig in der polnischen Soziologie hat sich für die biographische Methode eine kontinuierliche Tradition herausgebildet, so sehr, daß sie heute vielfach als eine polnische Entwicklung erscheint. Umgekehrt ist die Entwicklung der polnischen Soziologie (von 1920 an) eng mit dieser Methode gekoppelt. Beides hat dazu geführt, daß man von ihr auch als der "méthode polonaise" sprechen konnte (Markiewicz-Lagneau 1976: 593). Es handelt sich um den — in der Geschichte der Sozialforschung einmaligen - Fall, daß eine methodische Tradition sich über einen gewissen Zeitraum fast ausschließlich in einer nationalen Wissenschaftskultur entfaltete und diese sich zur Thematisierung ihrer Gesellschaft fast ausschließlich dieser Methode bediente22. Bevor auf die Gründe für diese Korrespondenz eingegangen wird, ist eine kurze Darlegung der Quellenlage erforderlich.

reiche Darstellung des gesellschaftlichen Kontexts der biographischen Methode stammt von Markiewicz-Lag-neau (1976). Im "Polish Sociological Bulletin", der englischsprachigen Zeitschrift der Polnischen Soziologengesellschaft, hat Chalasinski (1964) eine kurze Zusammenfassung einer der großen empirischen Studien - derjenigen über die junge Generation auf dem Land, die seit 1964 in insgesamt 10 Bänden publiziert worden ist - gegeben. Einige weitere Angaben lassen sich den englischen Abstracts der einschlägigen polnischen Bücher entnehmen, z.B. der Sammelbände "Po+wieku pamiftnikarstwa" (Ein halbes Jahrhundert Memoirenschreiben, hg. von S. Adamczyk et al., Warszawa 1971) und "Ruch pamigt-nikarski i przemiany polskiej kultury" (Die Memoiren-Bewegung und die Veränderungen der polnischen Kultur, Warszawa 1972).

Im folgenden stütze ich mich auf diese Quellen und auf einige Informationen aus persönlichen Kontakten mit polnischen Soziologen. Dies ist natürlich eine sehr unbefriedigende Informationslage; sie macht auch deutlich, wie fruchtbar eine Übersetzung grundlegender polnischer Texte in westliche Sprachen wäre. Nicht nur bleibt uns die methodologische Diskussion in Polen verschlossen, schwerer wiegt die Tatsache, daß auch die großen empirischen Studien23 — an denen allein sich letztlich die Produktivität dieses methodischen Zugriffs ermessen ließe - unzugänglich sind.

Der größte Teil der Studien mit der und über die biographische Methode ist nur auf Polnisch publiziert, was bedeutet, daß sie den westlichen Soziologen praktisch unbekannt geblieben sind. Abgesehen von Zna-nieckis englischsprachigen Büchern gibt es nur einzelne Papiere von polnischen Soziologen in westlichen Sprachen, die uns eine grobe Information geben. Als erstes ist der bereits genannte Aufsatz von Szcepanski im „Handbuch der empirischen Sozialforschung" (1962) anzuführen, der die biographische Methode den deutschsprachigen Soziologen wenn nicht als eine aktuell ernstzunehmende methodische Alternative, so doch wenigstens als eine besondere Tradition bekannt gemacht hat. Bukowski (1974) gibt zu einzelnen Punkten eine etwas ausführlichere Schilderung. Ein Papier von Adamski (1981) über die Auseinandersetzung zwischen „intuitiven" und „quantitativen" Orientierungen in der „Memoiren-Soziologie" umreißt diesen Aspekt des gegenwärtigen Diskussionsstands. Eine sehr aufschluß-

22 Heute ist diese Korrespondenz nicht mehr so ausgeprägt. Die polnische Soziologie hat sich diversi-fiziert und sich in den meisten Bereichen der methodologischen Entwicklung im Westen angeschlossen. Die biographische Methode ist eher an den Rand gerückt, so sehr, daß sie in einem kürzlich erschienenen Übersichtsartikel, der den Stand der polnischen Soziologie fiir das amerikanische QOttMb . skizziert (Walaszek 1977), gar nicht erwähnt wud.

3.2. Die sozialen Voraussetzungen

Die Einzigartigkeit der polnischen Entwicklung drängt eine wissenschaftssoziologische und "historische Perspektive förmlich auf. Ihr Ansatzpunkt muß — wie auch Coser (1977: 553 ff) in seiner Diskussion des sozialen Kontexts von Znanieckis Werk deutlich macht — die besondere soziale Stellung der polnischen Intelligenz sein.

Auch nach dem Verlust der Nationalstaatlichkeit Ende des 18. Jahrhunderts blieb der feudale bzw. landbesitzende Adel die dominierende Schicht in Polen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand allmählich eine neue Schicht in Form einer städtischen Intelligenz, die sich im wesentlichen aus dem (niederen oder verarmten) Adel rekrutierte und

23 Manche dieser Studien sind derart umfangreich, daß der Gedanke an eine vollständige Übersetzung gar nicht gewagt werden kann. Es gibt aber auch kürzere Arbeiten, z B. dssjenfc* von Znaniecki über nli im B^tsein ihrer Bewohner" (1931),

die in Polen als ein „Klassiker gilt, vis } acc

ihre Hauptaufgabe in der Zurückgewinnung der nationalen Unabhängigkeit sah. Szcepanski (1970a: 195)24 spricht von der „konstanten Konzentration des sozialen Denkens in Polen auf das Problem der politischen Unabhängigkeit" über alle ideologischen Fraktionierungen hinweg:

"The political doctrines such as radical democratic, conservative, socialist and nationalistic trends were not linked with the struggle for political power, as they were in the Western countries, but they were considered from the point of view of mobilizing social forces for national liberation."

Aus der Niederlage der allein vom Adel getragenen Befreiungsversuche in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts ergab sich die Überzeugung, daß ein Erfolg nur durch die Allianz mit den anderen gesellschaftlichen Kräften möglich wäre. Als Bündnispartner kamen einzig die Bauern in Frage. Sie machten die große Masse der Bevölkerung aus; die zahlenmäßig geringen Ansätze zu einer wirtschaftlichen Mittelschicht und zu einem Industrieproletariat schieden schon deshalb aus, weil sie im wesentlichen aus Juden bestanden.

Auf die Bauern richtete sich deshalb die Anstrengung der Intelligenz25. Als Mittel zu ihrer

24 Vgl. auch sein ausführlicheres Werk (1970 b).

25 In der Zuwendung der Intellektuellen zu den Bauern ist dabei neben dem Versuch, sie für den nationalen Aufbau zu mobilisieren, zweifellos noch ein anderes Motiv wirksam: der Wunsch nach eigener Regeneration durch Teilhabe am „ungebrochenen Leben", am noch nicht durch Dauerreflexion angekränkelten Alltag des „Volkes", an der darin noch selbstverständlichen Tradition. Eine eindriickliche Ästhetisierung dieses Motivs ist der Film von Andrzej Wajda „Die Hochzeit" (nach einem Schauspiel von Wyspianski) Uber die Hochzeit eines jungen Intellektuellen aus der Stadt mit einem Bauernmädchen. Es ist -wenn man diesen Film auf dem Hintergrund der Kenntnisse über die soziale Stellung und das Selbstverständnis der polnischen Intelligenz liest -deutlich, daß es hier um die Hochzeit zwischen zwei Klassen im Kontext des nationalen Befreiungskampfs geht. Zur Darstellung kommt aber nicht einfach die Mobilisierung der Bauern durch die Intellektuellen, sondern stärker noch die Hoffnung der letzteren, durch das Eintauchen ins Leben der Bauern von ihrer Skepsis befreit zu werden und die Fähigkeit zum Handeln zurückzugewinnen.

Ein ähnliches Motiv ist übrigens in der Ethnologie wirksam - nicht nur bei den Autoren, die als Vertreter einer „subjektiver. Ethnologie" gellen und r

kulturellen und politischen Mobilisierung wurden Bildungseinrichtungen (im weitesten Sinne) geschaffen. Für die Bauern ging es — ähnlich wie es in heutigen Alphabetisierungsprozessen angestrebt wird - um den Erwerb der formalen Grundqualifikationen (wie Lesen und Schreiben) und zugleich um „Bewußtwerdung"; das Ziel war ihre individuelle und soziale im Rahmen der nationalen Emanzipation. Da das formale Schulsystem unter der direkten Kontrolle der fremden Hegemonialmächte stand und diese kein Interesse an einer Hebung des Bildungsstandards der Landbevölkerung hatten, blieben die Bildungsbemühungen auf andere Kanäle verwiesen. Zu diesen gehörte auch die Gründung von Zeitungen für die Landbevölkerung. Eine davon war die „Gazeta Swijteczna", deren Archiv von Leserbriefen Thomas später aufkaufte und als eine der Datengrundlagen für den "Polish peasant" verwendete. In dem Werk sind einige ausführliche Briefe - kleine autobiographische Berichte — abgedruckt, die belegen, welche Bedeutung diese Zeitung für den Einsender als Anstoß und Fokus für seinen Bildungsprozeß hatte (z.B. Dok. 114, Thomas/ Znaniecki 1927: 1337ff).

Znaniecki selber verstand sich klar als Vertreter dieser Intelligenz und ihrer Zielsetzungen. Er stammte aus einer Landadelfamilie und hatte bereits als Universitätsstudent Schwierigkeiten mit den russischen Behörden. Nach einigen Jahren als freier Wissenschaftler übernahm er die Stelle eines Direktors der Schutzorganisation für die polnischen Emigranten. Seine Aufgabe war es, Auswanderungswillige zu beraten; wie Thomas (Blumer 1939: 106) vermutet, betrachtete er es auch als seine Aufgabe, die besten davon von der Auswanderung abzuhalten. In dieser Stellung wurde er mit Thomas bekannt. Seine intensive Beschäftigung mit der Bedeutung der Intelligenz im Prozeß der kulturellen Mobilisierung manifestiert sich in seinem Buch "The social role of the man of knowledge" (1940), das von Coser (1977: 527) als sein Meisterwerk bezeichnet wird, und in seiner (nur polnisch erschienenen) „Erziehungssoziologie" (1928).

es explizit thematisiert haben (wie etwa Lévi-Strauss in den "Tristes tropiques"), sondern auch

schung wie MaUnowski* undEvLiVfttohardlvgl.

li(K)iatA&0)3/2O16 01:05:28AM via free access

Auf diesem sozialen Hintergrund wird die - für westliche Sozialwissenschaftler zunächst erstaunliche — enge Verbindung zwischen Soziologie und politischer Führung in Polen verständlich, die auch heute noch besteht.

3.3. Die biographische Forschung als soziale Bewegung

Znaniecki kehrte 1920 nach Polen zurück und übernahm eine Professur für Philosophie in Posen, die er sofort auf Soziologie umwidmen ließ. Es handelte sich um den ersten Lehrstuhl für Soziologie in Polen. In der Folge gründete er das Polnische Soziologische Institut und die (noch heute existierende) „Soziologische Rundschau" (Przegljid Socjologiczny). Znaniecki kann damit mit Fug und Recht als Begründer der Soziologie und ihrer wissenschaftlichen Institutionen in Polen gelten.

Zu seinen ersten wissenschaftlichen Aktivitäten gehörte die Ausschreibung eines Wettbewerbs zur Sammlung von Autobiographien von Arbeitern (1921). Znaniecki führte damit die biographische Methode als zentralen Ansatz der empirischen Forschung in die polnische Soziologie ein. Unter wissenschaftshistorischen Gesichtspunkten ist in diesem Prozeß das Zusammenwirken von kulturellen Voraussetzungen und der Aktivität einzelner Individuen bemerkenswert. Ein Amerikaner hatte die biographische Methode „zufällig entdeckt" - auf der Grundlage von alltäglichem Material aus der polnischen Kultur. Ein Pole war an der Ausarbeitung dieser Methode mitbeteiligt, übernahm sie und machte sie zu einem zentralen Bestandteil der von ihm maßgeblich angestoßenen und mitgestalteten Entwicklung der polnischen Soziologie. Dabei konnte er wiederum an eine kulturelle Tradition anknüpfen, die für den Erfolg dieser Methode zweifellos wesentlich war. Die Autobiographie war — wie sich den Angaben im genannten Band von Adamczyk et al. (1971: 379) entnehmen läßt — offenbar eine schon seit längerem blühende literarische Gattung, die durch Adam Mickiewicz auch einen entsprechenden Platz in der Literaturhistorie gefunden hatte. Für den Durchbruch der biographischen Forschung zur kulturellen Bewegung war später nicht zuletzt ihre Rezeption im literarischen Bereich entscheidend (vgl. unten! De Gmyter

Die Arbeit mit der biographischen Methode war von Anfang an — in Übereinstimmung mit den sozialen Voraussetzungen und dem Selbstverständnis der wissenschaftlichen Intelligenz - auf Forschung und Mobilisierung gerichtet. Hinsichtlich des letzteren Aspekts ist der Hinweis wichtig, daß es sich — zumindest in der weiteren Ausgestaltung der Methode — um den Versuch zu einer Ae/dseitigen „sozialen Kommunikation" handelte (vgl. Markiewicz-Lagneau 1976: 607): Es ging nicht nur um eine Bildungsaktion durch die Wissenschaftler, sondern auch darum, daß das lesende Publikum mit dem Leben der Autobiographen bekannt und vertraut wurde und daß daraus entsprechende politische Initiativen zur Veränderung der Lebensverhältnisse des Volkes erwuchsen. Außerdem ist auf das erwähnte Motiv der Intelligenz hinzuweisen, die Trennung vom Volk, unter der sie litt, zu überwinden.

Die biographische Forschung richtete sich auf die verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Sie umfaßte mit der Zeit auch höhergestellte Gruppen (z.B. Lehrer); die größten Projekte blieben aber auf die „einfacheren" gerichtet (z.B. Arbeiter, Bauern, Arbeitslose). Die Forschung nahm in Znanieckis Posener Institut ihren Ausgangspunkt, wurde mit der Zeit auch von andern Instituten übernommen und differenzierte sich in ihrer politischen Stoßrichtung.

Thomas/Znaniecki hatten sich für ihr Werk mit einer einzigen (von ihnen bei einem Emigranten „in Auftrag gegebenen") Autobiographie begnügt. In Polen wurde von Znaniecki eine neue methodische Variante eingeführt, nämlich die Ausschreibung von autobiographischen Wettbewerben. Durch ausführliche Ausschreibungen (vgl. das Beispiel in Markiewicz-Lagneau 1976: 612f) in einschlägigen Zeitungen und Zeitschriften wurden die Angehörigen der Zielgruppe aufgefordert, schriftliche autobiographische Berichte gemäß spezifischen Richtlinien einzureichen. Die Teilnehmer erhielten eine Art Diplom, und für die besten Berichte waren Preise ausgesetzt.

Die Entwicklung dieses Forschungsansatzes soll durch einige Angaben verdeutlicht werden (für ausführlichere Details vgl. Adamczyk et al. 1971 und Markiewicz-Lagneau 1976). Zwischen 1921 und 1938 wurden zwanzig solcher Wettbewerbe veranstaltet, die zu 25 Bänden Publikationen führten. Beim ersten Wettbewerb von

1921, der an dis Arbeiter »ericliki war, gingen 149

später als eige-

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ne Bücher veröffentlicht wurden. Es folgten Wettbewerbe für Frauen, Landarbeiter, die Bewohner von Posen, durch ein anderes Institut solche für Arbeitslose (1931, mit 774 Einsendungen), Bauern, Emigranten und schließlich - als größtes Unternehmen dieser Art vor dem Krieg - für junge Landbewohner (1937, mit 1544 Beiträgen, durchgeführt von J. Chalasinski, einem der ersten Schüler Znanieckis, der darüber ein vier-bändiges Werk publizierte). Einige der damals erstellten Forschungsberichte harren übrigens immer noch der Publikation.

Zwischen 1945 und 1970 wurden etwa 600 Wettbewerbe mit insgesamt mehr als 250.000 Teilnehmern durchgeführt. Der größte (1961) richtete sich wiederum an die Landjugend; er erbrachte die Rekordzahl von 5500 Autobiographien und wurde in einem zehnbändigen Werk (1964 ff) unter Leitung von Chalasinski wissenschaftlich verarbeitet. 1969 wurde eine Gesellschaft für Memoirenschreiben mit einem entsprechenden Forschungszentrum und einer eigenen Zeitschrift gegründet.

Der Erfolg, der sich in diesen quantitativen Angaben andeutet, kann durch zwei weitere Punkte spezifiziert werden. Als erstes ist darauf hinzuweisen, daß die „Memoirenbewegung" sich nicht auf die Sozialwissenschaften beschränkte, sondern auch die literarische Szene erfaßte. Die Autobiographie hatte — wie erwähnt — eine entwickelte literarische Tradition. Das literarische Milieu nahm die Arbeiten der Soziologen auf, bemächtigte sich ihrer und vervielfältigte ihre Resonanz. Grundlage dafür waren zunächst nicht die wissenschaftlichen Studien, sondern die für sich publizierten längeren Autobiographien. Bereits 1923 veröffentlichte Znaniecki diejenige von W. Berkan, die als Beitrag zu seinem ersten Wettbewerb von 1921 verfaßt worden war. Den Durchbruch brachte aber erst die Publikation der „Autobiographie eines Arbeiters" von J. Wojciechowski (1930, veranstaltet durch Chatesiriski), die ebenfalls aus der Ausschreibung von 1921 hervorgegangen war. Mit diesem Werk erregte die Soziologie nicht nur über ihren internen Re-zipientenkreis hinaus das Interesse breiter Teile der Intelligenz, sie wurde auch selber literaturfähig und als neue, zukunftsweisende Form von Literatur gefeiert (vgl. Markiewicz-Lagneau 1976: 606 ff)26. Für die anspruchsvollsten Literaten lag ihre besondere Attraktivität gerade darin, daß sie so direkt, ungekünstelt und damit

26 Einen ähnlichen literarischen Erfolg errangen die ersten in Deutschland zu Beginn dieses Jahrhundert veröffentlichten Arbeiterautobiographien (Emmerich 1974: 26 ff: vgl. Abxteiti: 4.2.). Gruyter

„unliterarisch" war. Wojciechowski erhielt den „Goldenen Lorbeer" der Polnischen Akademie der Literatur27. Dieser Populismus der literarischen Intelligenz28 hatte — obwohl in ihrer sozialen Tradition verankert — in diesem Überschwang zweifellos viel von einer Modeströmung an sich, aber einiges davon hielt sich als dauerhafte kulturelle Bewegung durch.

Zweitens gibt es Hinweise darauf, daß die Teilnahme an den autobiographischen Wettbewerben für die Autoren — auch über die wenigen hinaus, die damit literarischen Ruhm ernteten

- nicht ohne Folgen blieb. Die Diplome, die den Teilnehmern verliehen wurden und eine Art Bestätigung des kulturellen Werts ihres Beitrags darstellten, wurden so geschätzt, daß die Universität Posen nach 1945 regelmäßig um die Ausstellung von Duplikaten für Diplome, die im Krieg verloren gegangen waren, gebeten wurde (Markiewicz-Lagneau 1976: 599). Für viele Teilnehmer war das Schreiben eines autobiographischen Berichts darüber hinaus ein Lernprozeß; sie entdeckten ihre eigene soziale Stellung und machten sich damit zugleich an die Entdeckung der Sozialstruktur. Mit den Wettbewerben leiteten die Forscher also einen Prozeß der (Erwachsenen-) Sozialisation ein — mit einem Erfolg, über den zeitgenössische Aktionsforscher ins Schwärmen geraten müßten. Genauere Belege dafür lassen sich einer Reanalyse der Teilnehmer am Wettbewerb für Arbeitslose von 1931 entnehmen (zit. nach Markiewicz-Lagneau 1976: 602). Dabei wurden drei Arten von Folgen gefunden:

— Entstehung von Interesse an sozialen Problemen und einer neuen Sicht der eigenen Lage;

27 Die Schriftstellerlaufbahn, zu der Wojciechowski von seinen literarischen „Kollegen" ermutigt wurde, brachte ihm allerdings weniger ein. Seinen weiteren Werken fehlte gerade die „Authentizität" des Nichtliterarischen, sie fanden deshalb nur noch wenig Echo.

28 Markiewicz-Lagneau weist immer wieder auf die Bedeutung der Geschichte der biographischen Methode für eine „Soziologie der Intelligenz" hin: "Alors même que paysans et ouvriers s'expriment seuls pour la première fois, c'est encore l'intelligentsia qui parle à travers eux et d'abord par le succès qu'elle fait à leurs témoignages" (1976: 610). Die biographische Forschung erbringt also Informationen nicht nur über die Gruppe der Autobiographen, sanier:; aus» Sbs die der Rezipien-

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— Entstehung von dauerhaften sozialen Beziehungen unter den Teilnehmern sowie zwischen ihnen und den Soziologen;

— Verbesserung ihrer eigenen Lage durch die Aufmerksamkeit für ihr Los, das die Berichte bei den Lesern erweckten (viele Arbeitslose fanden dadurch wieder Arbeit).

Insgesamt zeigte sich bei vielen Teilnehmern in den folgenden Jahren ein starkes Interesse für das öffentliche Leben; aus ihnen rekrutierten sich viele der „kulturellen Aktivisten". (Es wäre immerhin zu fragen, wieweit es sich dabei neben einem Sozialisations- auch um einen Selektionseffekt der Wettbewerbsteilnahme handelt.)

3.4. Zum gegenwärtigen Stand

Diese Belege deuten an, welche Bedeutung der biographische Ansatz für die Entwicklung der polnischen Soziologie gehabt hat. Ein zentraler Aspekt fehlt dabei, nämlich die Beurteilung seines wissenschaftlichen Ertrages im engeren Sinn. Sie ist ohne den sprachlichen Zugang zu den einschlägigen Arbeiten unmöglich. Auch eine systematische Analyse der theoretischen und methodologischen Grundpositionen, wie ich sie für das Werk von Thomas/Znaniecki versucht habe, kann hier nicht geleistet werden. Eine knappe Einschätzung des aktuellen Standes sei immerhin erlaubt.

Die methodologische Auseinandersetzung über diesen Ansatz ist in Polen seit langem in der Dimension qualitativ vs. quantitativ geführt worden (vgl. Adamski 1981). Dabei hat sich offenbar auf beiden Seiten eine gewisse Borniertheit entwickelt. Die positivistisch orientierten Soziologen haben sich von der biographischen Methode völlig abgewandt und scheinen auf sie auch als eine Tradition keinen Wert zu legen (ein Indiz dafür ist die bereits erwähnte Übersicht von Walaszek 1977). Auf der anderen Seite scheinen die Vertreter dieser Methode wenig bereit zu sein, sich mit Kritik auseinanderzusetzen und nach Innovationen zu suchen. Trotz der seit 1969 gelungenen institutionellen Verankerung der biographischen Methode' ist sie deshalb an den Rand der polnischen Soziologie gerückt (Bukowski 1974: 19).

Es lassen sich in dieser Auseinandersetzung keine Hinweise auf eine Rezeption der neueren An- r

sätze zu einer interpretativen Sozialforschung (in den westlichen Soziologien) finden. Ich möchte die These wagen, daß die Marginalisie-rung der biographischen Methode in der polnischen Soziologie nur dann gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden kann, wenn es gelingt, sie auf diese Ansätze und ihre (handlungs-, kommunikations- und texttheoretischen) Grundlagen zu beziehen und sie in diesem Rahmen zu rekonstruieren. Für die Entwicklung der interpretativen Ansätze könnte die polnische biographische Forschung ihrerseits durch ihre breiten praktischen Erfahrungen und Materialbestände fruchtbar werden.

4. Die neue Aktualität

4.1. Die weitere Entwicklung in den USA

Es wurde bereits erwähnt, daß ein Interesse für die biographische Methode sich nach 1945 im wesentlichen nur noch in der Devianzforschung hielt. Abgesehen davon brach die Entwicklung ab und verschwand damit aus dem Horizont der allgemeinen methodologischen und theoretischen Diskussion. Die Arbeiten, die seit Mitte der 60er Jahre versuchen, dieses Interesse wieder zu beleben, setzen denn auch bei Problemen der De-vianz an (so die Überlegungen von Becker 1966 als Einleitung zur Neuausgabe von Shaws "JackRoller"; vgl. auch Frazier 1978); im übrigen sehen sie sich vor der Aufgabe, den abgerissenen Faden neu aufzunehmen.

Inzwischen ist die Beschäftigung mit der biographischen Methode als Teil derjenigen mit qualitativer Sozialforschung insgesamt wieder stärker geworden. Das dokumentiert sich z.B. darin, daß in den meisten Übersichtswerken zur qualitativen Sozialforschung - die in den letzten Jahren nicht gerade spärlich erschienen sind — ein Kapitel darüber zu finden ist, z.T. enger als "life-history method" (Denzin 1970), z.T. weiter als "personal documents" (Bogdan/ Taylor 1975) - oder gar in Kombination: "personal accounts and life histories" (Schwartz/ Jacobs 1979) - umschrieben. Diese Ausführungen bringen allerdings wenig Neues; manche davon sind eine verwaschene Version dessen, was in der SSRC-Diskussion präziser gesagt wurde (z.B. Denzin 1970). Es lassen sich in der ameri-kanis-cAfti1&äÖl^-jiä§ik(M&tze zu einer spezifischen Beschäftigung mit und Weiterentwick-via free access

lung der biographischen Methode ausmachen; ihr Status ist eher der eines wenig konturierten Teilgebiets in der allgemeinen Diskussion über qualitative Methoden.

4.2. Die Entwicklung in der deutschen Soziologie

In der deutschen Soziologie verhält es sich anders29. Bevor darauf eingegangen wird, ist es nützlich, auch hier die historische Ausgangslage zu vergegenwärtigen.

In den USA fällt die Begründung der biographischen Methode durch Thomas/Znaniecki mit der Begründung der modernen empirischen Sozialforschung zusammen. In Deutschland hatte diese bereits eine längere Tradition (vgl. Oberschall 1965). Es stellt sich die Frage, warum es in diesem Rahmen nicht zu einer ähnlichen Verwendung biographischen Materials kam — umso mehr, als seit 1903 zahlreiche Arbeiterautobiographien erschienen, die auf breite Resonanz auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit stießen (vgl. Emmerich 1974/75; Oberschall 1965: 80 ff).

In Max Webers Konzeptionen einer Handlungstheorie und einer verstehenden Soziologie waren ähnliche grundwissenschaftliche Ansätze wie diejenigen von Thomas/Znaniecki angelegt. Es scheint jedoch, daß diese Ansätze für Webers aktuelle empirische Arbeiten und Interessen ohne Relevanz blieben. Besonders deutlich wird das in seiner Auseinandersetzung mit Adolf Levenstein (Weber 1909), der verschiedene autobiographische Berichte von Arbeitern publiziert und eine große Fragebogen-Enquete dazu durchgeführt hatte. Weber bescheinigt Levenstein, „ein in seiner Art äusserst wertvolles .klassenpsychologisches' Material" zusammengebracht zu haben (1909: 949), geht dann aber gleich zu einer scharfen Kritik von Levensteins Auswertungsverfahren unter statistischen Gesichtspunkten über. Sie ist durchaus einleuchtend - aber es bleibt die Frage, warum Weber den Aussagewert biographischen Materials auf psychologische Gesichtspunkte einschränkt und nicht auch auf seine eigenen soziologisch-handlungstheoretischen Konzeptionen bezieht. Möglicherweise spielt dabei ein - im Interesse der Konstitution einer Soziologie als Wissenschaft sozialer Strukturen verständlicher - Abgrenzungsdruck gegen geisteswissenschaftliche Ansätze etwa in der Art Diltheys und seiner Schüler eine Rolle. Als Ergebnis ist jedenfalls zu konstatieren, daß eine empirisch-methodologische Konkretisierung der Handlungstheorie - die sich gerade an einem solchen Material aufge-

drängt hätte - und damit eine eigenständige soziologische „Hermeneutik" nicht zustandekam .

Die Verwendung biographischen Materials blieb in der Folge im wesentlichen der Psychologie (Ch. Bühler) und Pädagogik (S. Bernfeld) vorbehalten. Der Versuch des Psychiaters Hans Gruhle (1923) in der Erinnerungsschrift für Max Weber, biographische Materialien auch in die Soziologie einzuführen, konnte nicht an diesen selber anknüpfen und blieb offenbar weitgehend folgenlos, ebenso wie die methodologische Diskussion der Arbeiterautobiographien durch Adalbert Koch (1929), einen Schüler von Robert Michels (vgl. Oberschall 1965: 82).

Auch der Aufsatz von Szczepariski (1962) scheint kein Echo ausgelöst zu haben. Erst seit knapp zehn Jahren hat eine allmählich sich versteigende Diskussion eingesetzt. Während die ersten Beiträge ihren Neuansatz schon dadurch dokumentieren, daß sie überhaupt nicht auf die bisher erwähnten Vorläufer eingingen, werden diese jetzt Schritt für Schritt „aufgearbeitet" (so z.B. von Fuchs 1979b und Hoeming 1980 hauptsächlich die Anfange in den USA, von Rosenmayr 1979 die geisteswissenschaftlichen Grundlagen).

Inzwischen ist diese Diskussion bereits derart breit und komplex geworden, daß eine genauere Rekonstruktion auch nur der wichtigsten Motive und Argumentationslinien eine eigene Arbeit erfordern würde (vgl. die Übersichten von Fuchs 1979a und 1980 sowie von Gstettner 1980). Ich beschränke mich hier auf einige stark selektive Bemerkungen über Entstehung und Verlauf und einige Vermutungen über Gründe und institutionelle Voraussetzungen.

Ich sehe zwei Entwicklungslinien, die für die heutige Lage bedeutsam geworden sind. Die erste hat ihren Ursprung in der neueren marxistisch orientierten Industriesoziologie und Soziologie des Arbeiterbewußtseins. Im Versuch, gegenüber ökonomistischen Ansätzen die Bedeutung subjektiven Handelns in allen Lebensbereichen und der Genese subjektiver Handlungsdispositionen hervorzuheben, wurde am SOFI Göttingen ein Vorschlag zu einem „sozio-biographischen" Zugang zur Lebenswelt von Arbeitern formuliert (Osterland

29 Ausgeklammert bleibt hier die Entwicklung in an-

dern nationalen Soziologien, wo heute ebenfalls

ein starkes Interesse an biographischen Ansätzen zu beobachten ist, z.B. in der französischen (einen

30 Oberschall (1965: 99) sieht in Webers Haltung in seiner Kontroverse mit Levenstein natürlich einen methodischen Fortschritt: "his thinking on empirical typology Instruction had a very modern ring

ersten Zugang dazu biete, der Sammelband von ^ Qn to COnStruCti°nS

Bertaux 1981).

via free access

gical analyses."

1973; Bahrdt 1975)31. Es ging also um den „subjektiven Faktor", aber auch um die (innere und äußere) Geschichte der Subjekte, womit zugleich ein präziserer Bezug auf die massiven historischen Veränderungen der Lebensverhältnisse während der letzten Jahrzehnte erhofft wurde. Der breite Widerhall, den dieser Vorschlag bald fand, zeigt, daß er ein Unbehagen artikulierte und fokussier-te, das in der Diskussionslage der materialistischen Soziologie (und auch der Nachbardisziplinen) weit verbreitet war.

Die zweite Entwicklungslinie stammt aus inter-pretativen Ansätzen, insbesondere der phänomenologischen Tradition (vgl. Grathoff 1975). Diese ist die differenzierteste Ausarbeitung des handlungstheoretischen Paradigmas und die stärkste Begründung für die Auffassung, daß jedes Überspringen der Ebene der „subjektiven Interpretation" durch den Forscher nur „intellektuelle Kurzschrift" ist (Schütz 1971: 40) — bei manchen Problemen angemessen, bei manchen aber nicht. In diesem Rahmen spielen auch Überlegungen und Forschungen zum Karrierekonzept eine Rolle, die aus dem Symbolischen Interaktionismus stammen, z.B. in der Arbeit von Fischer (1978). Das Hauptgewicht liegt hier auf der Biographie als einer Dimension der Handlungsorientierung (vgl. als aktuellen Überblick den Sammelband von Mat-thes/Stosberg 1981).

Damit ist auch schon etwas über die Gründe für die neue Aktualität der biographischen Methode gesagt, zumindest soweit sie in der kognitiven Dynamik der Disziplin liegen. Das Aufkommen der biographischen Ansätze und ihrer Voraus-

31 Hinzu kam ein Unbehagen an den üblichen quantitativen Methoden der Bewußtseinsforschung. Bahrdt (1975) argumentiert, daß das Erzählen von Geschichten gerade für Arbeiter die alltäglich vertraute Form der Kommunikation und des Nachdenkens über ihre Lage sei; deshalb könne durch die methodische Verwendung von erzählten Geschichten vermieden werden, daß das Sprachvermögen von Arbeitern als defizitär erscheine. Dagegen stehen soziolinguistische Befunde über schichtspezifische Unterschiede im referentiellen Gehalt von Erzählungen (vgl. Kohli 1978: 139) Liebel/Schonig (1978: 139) vermuten, daß die Zerstückelung des Alltags von Arbeitern diesen eine erzählende Darstellung besonders schwer mache. Die theoretische Überlegungen zur Frage, ob für bestimmte Gruppen die biographische Methode ein besonders guter Zugang sei, sind also widersprüchlich; die Frage jwrfl 3BÖ fiü empirisch '»Iii- er ren lassen.

Setzungen geht einher mit einem Dominazverlust der neopositivistischen Forschungsmodelle. Die Betonung der Handlungsebene und eines umfassenderen, weniger segmentierten Zugangs dazu teilen biographische Ansätze mit andern im größeren Rahmen interpretativer Methodenkonzeptionen. Was dazu kommt, ist die Betonung der lebensgeschichtlichen Vergangenheit als Dimension der Erfahrungsakkumulation und -Verarbeitung. Mit diesem Bezug auf (kurzfristige) historische Veränderungen ist ein Aspekt der gesellschaftlichen Realität bezeichnet, der gerade in Deutschland besonders ausgeprägt ist und auf sozialwissenschaftliche Thematisierung (z.B. in einer „historischen Sozialisationsforschung") drängt. Es lassen sich auch andere gesellschaftliche Problemanstöße plausibel vermuten: Die Zweifel an der Sicherheit des Erreichten, an der Eignung der gängigen Verfahren für die erfolgreiche Bearbeitung der anstehenden Probleme und insgesamt an der Verlangerbarkeit der Gegenwart in die Zukunft sind nicht auf das Fach beschränkt, sondern führen auch gesellschaftlich zu einem starken — rückwärtsgewandt-nostalgischen (vgl. Davis 1979) oder nach verschütteten Alternativen suchenden — Interesse an Geschichte.

Was die institutionelle Dynamik betrifft, möchte ich zwei Punkte erwähnen. Erstens könnte vermutet werden, daß der biographische Ansatz (wie andere interpretative auch) der einer „armen" Wissenschaft ist - d.h. der Versuch, auch dort zu empirischer Forschung zu kommen, wo die Voraussetzungen für quantitative Großforschung nicht gegeben sind. Das hat zweifellos etwas für sich: Datengewinnung und -auswertung sind mit weniger materieller Infrastruktur möglich, und auch die personellen Voraussetzungen (Zahl und Ausbildungsvorlauf der Forscher) können niedriger gehalten werden32. Letzteres ist allerdings nur am Anfang der Fall; bei anspruchsvolleren Fragestellungen und höherem Grad von Methodenrigorismus steigen die erforderlichen Ressourcen bald ebenfalls auf das Niveau von Großprojekten. Es sei im übrigen daran erinnert, daß Angel (1945) in seiner Übersicht über die biographische Forschung in der Soziologie, für ihre geringe Verbreitung gerade den von ihr geforderten hohen Aufwand verantwortlich machte.

32 Eine weitere wesentliche Einsparung - wie immer sie auch x: einzelnen Fall methodisch zu be-Ol BrteU«« ist - siegt in der ibßSfsIWiischen Retro-spektion anstelle von Längsschnitten.

Damit ist der zweite Punkte erreicht: die Frage des möglichen Institutionalisierungs- bzw. Pro-fessionalisierungsgrades. Hinter der biographischen Methode liegt zweifellos eine Rebellion gegen die „Lebensferne" gängiger Wissenschaft. Es ist eine Rebellion gegen die Kasernierung der Forschung in hochprofessionalisierten Instituten, deren Personal der beforschten Realität nur noch in Form von Verteilungen von Merkmalen begegnet. Ich habe eben auf den hohen Aufwand hingewiesen, der für anspruchsvollere Projekte auch mit der biographischen Methode erforderlich ist. Daraus erwächst ein Institutionalisie-rungsdruck, der durch das Interesse an professioneller Respektabilität, das auch bei biographischen Forschern vorhanden ist, verstärkt wird. Eine solche Entwicklung liegt überdies im Interesse der methodischen Konsolidierung des Ansatzes selbst. Dennoch wird die Spannung akut bleiben. Die biographische Methode läßt sich schwerer in einen institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb überführen als die quantitativen Ansätze; sie ist gegen den Einbruch der „Totalität des Lebens" in die hochselektiven Problemformulierungsund -Verarbeitungskanäle der professionellen Forschung weniger resistent.

4.3. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte

Zum Schluß will ich in einigen Punkten auf die aktuellen Arbeits- und Diskussionsthemen eingehen. Es handelt sich um ganz knappe persönliche Einschätzungen, die einer ausführlicheren Analyse nicht vorgreifen sollen.

1. Biographische Forschung richtet sich hauptsächlich auf die Dimension sozialer Realität, die mit den Begriffen „Handeln" und „Lebenswelt" umrissen wird. Dabei spielen die erwähnten Entwicklungslinien eine Rolle. Viele Studien, die mit der biographischen Methode arbeiten, setzen an arbeits- und industriesoziologischen Themen an; ihr Ziel ist, in Arbeit mehr als technische Vollzüge oder Organisationsabhängigkeit zu sehen. Angestrebt werden also lebensweltlich gesättigte Analysen von Arbeit (z.B. Deppe 1978; Osterland 1978). Viele Studien, die nicht auf diesem arbeitssoziologischen Hintergrund konzipiert worden sind, scheinen davon dennoch beeinflußt zu sein; was daraus entsteht, könnte man als materiell gesättigte Lebensweltan;

bezeichnen.

Eine andere zentrale Gegenstandsdimension ist die geschichtliche. Es geht dabei nicht nur um Lebensgeschichte als persönliche Geschichte, sondern in vielen Fällen um deren Verzahnung in die Zeitgeschichte (z.B. Fuchs 1979a), also

— mit einem Begriff, der manchen Forschern zweifellos zu „technisch" wäre — um deren Kohortenspezifizität.

2. Die These, die biographische Methode sei für bestimmte Gruppen besonders geeignet, wurde bereits problematisiert. Faktisch ist es aber so, daß die biographische Methode bisher nicht über die ganze Gesellschaft streut, sondern einen Schwerpunkt in der Untersuchung von Arbeitern hat, also — analog zur Oral history — eine Geschichte „von unten" anvisiert. Ein zweiter Schwerpunkt sind abweichende Gruppen (z.B. Kieper 1980); damit wird — bewußt oder nicht

- an die einzige Tradition angeknüpft, die seit den Anfängen der biographischen Methode eine gewisse Kontinuität hat. Grundsätzlich sind aber auch andere Untersuchungsgruppen denkbar, z.B. Wissenschaftler (vgl. Kohli 1981c).

3. Die subjekttheoretische Perspektive wird von manchen Autoren so radikalisiert, daß sie ihre Aufgabe nur noch darin sehen, die Subjekte zum Sprechen (und das Gesprochene

in die Medien) zu bringen, und jede theoretisch geleitete Interpretation ablehnen. Es sei konzediert, daß damit - bei Gruppen, die sonst gesellschaftlich nicht „zu Worte kommen" — bereits etwas Wichtiges geleistet wird. Allerdings ist die Selbstbeschränkung des Forschers auf die Rolle des Herausgebers, wenn sie zum alleinigen Programm erhoben wird, nichts anderes als Subjektivismus. Der Einbezug der Subjektebene bedeutet aber nicht notwendig Subjektivismus. Das ist bereits im Zusammenhang mit Thomas/Znaniecki gesagt worden. Die Handlungen der Subjekte sind als Teil eines umfassenderen Handlungsfeldes zu sehen, in dem diese vor bestimmte Probleme und Handlungsmöglichkeiten gestellt werden, von denen sie einige realisieren, andere nicht. Das zentrale Thema der Handlungsanalyse sind gerade diese Selektionsprozesse, und dazu ist eine „objektive" Auffassung des Handlungsfeldes erforderlich.

ist die Frage der sohem Material

Vergangenheit. Lebens-

fre ss

geschichtliches Erinnern ist grundsätzlich rekonstruktiv; es erfolgt vom Heute aus und ist weder eine vollständige noch eine interesselose Beschreibung von vergangenen Ereignissen und Handlungssituationen. Das ist dann kein Problem, wenn Lebensgeschichten ausschließlich unter dem Gesichtspunkt aktueller Handlungsorientierungen untersucht werden (z.B. Fischer 1978; Kieper 1980). Andere Forscher betrachten die von ihnen erhobenen Aussagen umstandslos als „wahre Berichte" über die Vergangenheit (z.B. Deppe 1978). Das ist methodisch zweifellos problematisch; ich hielte es jedoch für unproduktiv und falsch, eine solche vergangenheitsbezogene Auswertung grundsätzlich auszuschließen33. Der referentielle Gehalt von Lebensgeschichten kann aber nur dann angemessen beurteilt werden, wenn ihr rekonstruktiver Charakter in Rechnung gestellt wird. Neben der üblichen Forderung nach Einbezug der übrigen verfügbaren Quellen („Triangulation") impliziert das die Kenntnis des Interesses, also des praktischen Bezugs der Erzählung34, und die Kenntnis der Strukturmuster möglichen biographischen Erzählens.

5. Die biographische Methode wird heute hauptsächlich im Rahmen qualitativer Methodenkonzeptionen eingesetzt35.

Grundsätzlich sind auch quantitative Auswertungen möglich. Beispiele dafür sind verschiedene polnische Studien, ebenso verschiedene Studien mit psychologischem Fokus. Im Unterschied zum polnischen Verfahren wäre bei der Erhebung mündlich erzählter Lebensgeschichten auch das Problem der Repräsentativität einigermaßen lösbar. Es ist jedoch fraglich, ob sich bei einer hauptsächlich quantitativen Auswertung der hohe Aufwand für Datengewinnung und -kodierung lohnt. Lohnend kann dagegen die (auch) quantitative Auswertung von erhalten gebliebenen historisch relevanten

33 Vgl. meine ausführlicheren Überlegungen am Beispiel der Lebensgeschichten von Wissenschaftlern (Kohli 1981c).

34 Als Grundlage dafür ist eine allgemeine Theorie der Pragmatik biographischer Erzählungen nützlich. Einen Ansatz dazu habe ich an anderer Stelle versucht (Kohli 1981a).

35 Ich spreche hier von zusammenhängend erzählten Lebensgeschichten. Ein anderer Fall sind retrospektive Befragungen mittels standardisierter Verfahren, wie sie etwa in der Mobilitätsforschung eingesetzt werden. Downloaded from De Gruyter

Sammlungen autobiographischer Berichte sein, etwa der von Abel erstellten und kürzlich von Merkl (1975) erneut ausgewerteten Sammlung von Uber 500 Lebensgeschichten früher Nazis.

Die Untersuchungen operieren mit relativ wenigen Fällen. Für Verteilungsprobleme geben sie deshalb nicht viel her. Dagegen sind sie für die Ermittlung von typischen Konfigurationen und Handlungsstrukturen interessant. Daß solche Fragen theoretisch (wieder) an Relevanz gewonnen haben, dürfte mit ein Grund für den Aufschwung qualitativer Konzeptionen sein.

6. Die gegenwärtige Diskussion über interpretative Sozialforschung ergibt auch für die biographische Methode gewisse Grundlagen. Für den Bereich der Datengewinnung sei etwa die Konzeption des „narrativen Interviews" (Schütze 1977) genannt — ein texttheoretisch begründetes Verfahren, das u.a. dazu dient, den referentiellen Gehalt von mündlichen Erzählungen zu erhöhen. Der Bereich der Datenauswertung ist für die interpretativen Verfahren kritischer.

Wie mit dem „ganzen Leben", das man in ausführlichen biographischen Erzählungen vor sich hat, umgegangen werden soll, hat manche Projekte vor unlösbare Probleme gestellt. Inzwischen hat sich die Lage etwas gebessert. Verfahrensbegriffe wie „Typenbildung" und „Strukturgenerali-sierung" bezeichnen methodische Bereiche, in denen zur Zeit intensiv gearbeitet wird. Allerdings ist dabei wohl nicht mit einem ebenso hohen Grad von Formalisierbarkeit durch Regeln richtigen Verfahrens zu rechnen wie bei den quantitativen Methoden. Das betrifft auch den Grad möglicher intersubjektiver Kontrolle; er wird bei hermeneutisch orientierten Interpretationen wohl immer geringer bleiben,, und man wird sich stärker darauf verlassen müssen, daß die Interpreten sich an die allgemeinen Grundsätze der Forschungsethik gehalten haben.

7. Die vorstehenden Bemerkungen haben die biographische Methode in den Rahmen der interpretativen Forschungskonzeptionen gestellt. Es kann aber argumentiert werden, daß sie darin etwas Spezifisches ist, daß also die Entwicklung der interpretativen Sozialforschung den Begriff der „biographischen Methode" nicht obsolet gemacht hat. Das Spezifische liegt zum einen in der retrospektiven Darstellung des Lebens im Zeitablauf und damit dem Zugang zur Geschichte, *uai andern in der ftofilierung der Lebensvia free access

zeit als Relevanzdimension des Handelns. Gegenüber den zahlreichen Analysen von Handlungsfeldern, in denen das Schwergewicht auf der aktuellen Interaktionsstruktur liegt und die Subjekte nur als Teilnehmer daran interessieren, ist der biographische Ansatz stärker subjektzentriert. Die Lebenszeit ist die anspruchsvollste und „persönlichste" Dimension der Identitätssicherung und Handlungsorientierung; sie ist damit zentral, wenn es um eine soziologische Konzeption der Persönlichkeit geht.

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- 10.1515/zfsoz-1981-0304 Downloaded from De Gruyter Online at 09/13/2016 01:05:28AM

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