Scholarly article on topic 'A Pilot Study of Serum MicroRNAs Panel as Potential Biomarkers for Diagnosis of Nonalcoholic Fatty Liver Disease'

A Pilot Study of Serum MicroRNAs Panel as Potential Biomarkers for Diagnosis of Nonalcoholic Fatty Liver Disease Academic research paper on "Sociology"

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Academic research paper on topic "A Pilot Study of Serum MicroRNAs Panel as Potential Biomarkers for Diagnosis of Nonalcoholic Fatty Liver Disease"

Klaus-Dieter Ludwig

Pragmatische Angaben im Grimmschen Wörterbuch 1. Pragmatische Angaben in Wörterbüchern

„Pragmatische Angaben" oder „pragmatische Markierungen", die Lemmazeichen in Wörterbüchern zugeordnet werden, sollen als Hinweise für den Gebrauch einer lexikalischen Einheit oder einer bestimmten Bedeutung eines Lexems dienen. Dieser Bereich lexikographischer Angaben ist heterogen, die Terminologie unterschiedlich. In der metalexikographischen Literatur werden im Allgemeinen zu diesen Angaben gezählt: stilistische/diastratische, diaevaluative/diakonnotative, diachronische, diatopische und diatechnische Angaben. Mit den Angaben zum Stil - den stilistischen/diastratischen und diaevaluativen - ist in den Gegenwartswörterbüchern die Zuordnung von Wörtern und Wendungen zu Stilschichten/Stilebenen (Markierungen neutral - gehoben/dichterisch - umgangssprachlich - vulgär/derb) und zu Stilfärbungen/Gebrauchsangaben (z.B. abwerternd, ironisch, euphemistisch) gemeint. Diachronische Angaben beziehen sich auf die zeitliche Zuordnung (ist das Wort ein Neologismus oder ein Archaismus), diatopische Markierungen dienen zur Kennzeichnung des regional begrenzten Gebrauchs eines Wortes oder einer bestimmten Bedeutung (z.B. norddeutsch, süddeutsch, ostmitteldeutsch). Die diatechnischen Angaben sollen dem Wörterbuchbenutzer über die Zugehörigkeit des Ausdrucks zu einem Fach- und/oder Sonderwortschatz Auskunft geben. Pragmatische Angaben waren häufig Gegenstand lexikographischer und metalexikographischer Diskussionen. Man hat vor allem die stilistischen Angaben zum Teil äußerst kritisch beurteilt und Vorschläge zur Verbesserung der Markierungspraxis gemacht. An der lexikographischen Praxis hat sich jedoch nichts Wesentliches geändert, man hat im Großen und Ganzen die Tradition der Markierungspraxis beibehalten (vgl. hierzu z.B. Wiegand 1981; Ludwig 1991). Die pragmatischen Angaben, insbesondere die stilistischen, bleiben ein „lexikographisches Problemkind" (Püschel 1998, 144), was seine Ursache darin hat, dass es keine objektivierbaren Kriterien für die Abgrenzung der Markierungen gibt und weil es keinen einheitlichen allgemeingültigen Sprecherstandpunkt gibt. Was ist der Unterschied z.B. zwischen neutral/normalsprachlich (nach WDG) und umgangssprachlich oder zwischen umgangssprachlich und derb? Ist das Wort noch neutral und kann ohne Einschränkung verwendet werden oder ist es doch schon umgangssprachlich oder gar derb?

Mit dem „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache" beginnt die systematische „stilistische Charakterisierung des deutschen Wortschatzes" (WDG, Vorwort, S. 011) durch die Zuordnung von Wörtern und Wendungen zu „Stilschichten" und/oder „Stilfärbungen". Das WDG steht am Anfang der dritten Phase in der Geschichte der lexikographischen Angaben zum Stil, die Herbert Ernst Wiegand (1981, S. 153) als „systematisch-deskriptive Phase" bezeichnet hat. In Analogie zu Helmut Hennes (1977, S. 14 ff.) Periodisierung der Geschichte der neuhochdeutschen Lexikographie unterscheidet Wiegand (1981, S. 147 ff.) drei Phasen in der Geschichte der lexikographischen Angaben zum Stil.

Die erste Phase nennt er die „überwiegend normative Phase" - von der Mitte des 17. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Phase geht es um die Kodifizierung der deutschen Standardsprache im Wörterbuch, wobei die Kodifikation hauptsächlich unter synchronisch-norma-tiven Aspekten erfolgt. Anzuführen sind hier die semasiologischen Wörterbücher von Stieler, Steinbach, Frisch, Adelung und Campe. Adelung konzipiert zur Kennzeichnung der „Würde der Wörter" in der Vorrede zur 1. Auflage seines „Grammatisch-kritischen Wörterbuches" (1774, I, S. XIV) ein System von „fünf Classen" - vergleichbar dem Stilschichtenmodell mit seinen „Stilschichten" und „Stilfärbungen" in der gegenwärtigen deutschen Lexikographie: 1. „die höhere oder erhabene Schreibart" (entspräche heute etwa der Markierung dichterisch), 2. die „edle" Schreibart (heute etwa gehoben), 3. „die Sprechart des gemeinen Lebens und vertraulichen Umganges" (heute etwa neutral), 4. die „niedrige" Sprechart (heute etwa umgangssprachlich) und 5. „die ganz pöbelhafte" Sprechart (wäre heute etwa vulgär). Adelungs Wörterbuch verzeichnet auch eine Grundschicht stilklassenindifferenter lexikalischer Einheiten, die nicht den postulierten „fünf Classen" zugeordnet werden. Sie gehören gewissermaßen einer „neutralen Klasse" an, auf die in der Vorrede des Adelungschen Wörterbuches allerdings nicht Bezug genommen wird. Anders dagegen Campe, dessen Ziel es ist, Adelungs Wörterbuch „ein um vieles vollständigeres, um vieles sprachrichtigeres und der jetzigen Ausbildung unserer Sprache um vieles angemesseneres Wörterbuch" entgegenzusetzen (Vorrede, 1807, I, S. VII), und der expressis verbis darauf verweist, dass „Wörter, die allgemein üblich sind, und für jede Schreibart passen", nicht gekennzeichnet werden (ebd., S. XXI). Was Adelung als „Würde der Wörter" bezeichnet, nennt Campe in der Vorrede seines „Wörterbuches der Deutschen Sprache"„die innern Grade ihres Adels oder ihrer Gemeinheit" (ebd., S. XIII). Campe ist bemüht, „die Würdigung der Wörter nach dem Grade ihrer Sprachrichtigkeit oder Verwerflichkeit, ihres Alters oder ihrer Neuheit, ihrer allgemeinen oder beschränkten Gangbarkeit in einzelnen Landschaften, ihrer größern oder geringern Würde oder ihrer Brauchbarkeit für die höhere oder niedrigere, für die ernste oder scherzende Schreibart, nicht durch Worte, sondern durch kleine, den Wörtern vorzusetzende Zeichen anzudeuten" (ebd., S. V). Campe verwendet

zur stilistischen Charakterisierung und zur Kennzeichnung landschaftlicher, veralteter und neugebildeter Wörter insgesamt 14 „Kürzungszeichen", die in der Vorrede zum ersten Band (S. XX f.) des Wörterbuches eingeführt und ausführlich erläutert werden.

Die zweite Phase in der Geschichte der lexikographischen Angaben zum Stil, die der ersten „überwiegend normativen Phase" folgt, bezeichnet Wiegand als „unsystematisch-deskriptive Phase" (1981, S. 149); sie reicht vom Erscheinungsjahr (1854) des ersten Bandes des „Deutschen Wörterbuches" von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm bis etwa 1960, dem Jahr der Fertigstellung des Grimmschen Wörterbuches. In diesen Zeitraum sind neben dem Grimm zum Beispiel die Wörterbücher von Sanders, Weigand, Moritz Heyne, Hermann Paul und Trübners Deutsches Wörterbuch entstanden. Wiegand charakterisiert diese Phase deshalb als „unsystematisch", da die Angaben zum Stil im Grimm und in den anderen in der genannten Zeit erschienenen Wörterbüchern nicht - wie in der dritten Phase - auf ein Stilschichtenmodell bezogen werden und die Sprache - relativ zur ersten Phase - „nicht festen Einteilungen unterworfen" wird (Wiegand 1981, S. 151).

Wie wird die Markierungspraxis im Grimm gehandhabt? Begegnen wir hier überhaupt derartigen pragmatischen Angaben?

2. Pragmatische Angaben im Grimm

Pragmatische Angaben zu den in Wörterbüchern erfassten lexikalischen Einheiten haben (wohl) für Jacob und Wilhelm Grimm kein eigenständiges Problem dargestellt und sind von ihnen nicht systematisch behandelt worden. Dass ihnen die Thematik nicht gänzlich unbekannt war, zeigt die Bemerkung Jacob Grimms im Abschnitt „Anstöszige wörter" seiner Vorrede zum „Deutschen Wörterbuch": ADELUNG hat [...] vielen wörtern falsche gewichte angehängt" ('DWB, 1, Sp. XXXII). Auch im Grimmschen Wörterbuch werden zu kodifizierten lexikalischen Einheiten Hinweise für den Gebrauch der Wörter gegeben werden, nur nicht nach einem bestimmten Modell oder Schema wie in der „systematisch-deskriptiven Phase" vom „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache" an.

In den von Peter Diepers (etwa 1932/33) entworfenen „Richtlinien für die Arbeit am Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm" werden im Abschnitt „Gesichtspunkte für die Unterteilung der Hauptabschnitte" des Kapitels „Der Aufbau des Artikels" ganz allgemein auch „Sphären des Gebrauchs" genannt, die bei der Erarbeitung des Wörterbuchartikels „von Belang sein" können, wenn es heißt: „Auch die U n t e r t e i l u n g ergibt sich jeweils aus der Art des zu behandelnden Wortes und dem zur Verfügung stehenden Material. Es können von Belang sein:

die zeitliche und räumliche Verbreitung des Wortes und seiner Bedeutung; [...] weiter die Sphären des Gebrauchs: die alltägliche, sowie die fachlich-berufliche, ebenso aber auch die gehobenen, etwa die religiöse, die philosophische, die literarische, evtl. mit ihren verschiedenen Stilarten, Schichten und Richtungen, die socialen Stufen u.s.w." (§ 52 der Neufassung von i960).1

Auch in den Ausführungen „Zur Anlage der Neubearbeitung" des „Deutschen Wörterbuchs" (2DWB 1, S. 3 ff.) wird im Abschnitt „Darstellung von Bedeutung und Gebrauch" (S. 4) darauf aufmerksam gemacht, dass in den Wörterbuchartikeln Gebrauchshinweise gegeben werden: „Über die Referierung der Bedeutungen (und ihrer Schattierungen) hinaus [...] kommt in der Darstellung möglichst auch der bedeutungsgeschichtliche Aspekt zur Geltung. Außerdem wird der Gebrauch der Wörter in Zeit, Raum und Anwendungssphäre sowie hinsichtlich charakteristischer kontextueller und syntaktischer Verhältnisse verdeutlicht." (Ebd.). In dem von der Arbeitsstelle Göttingen 1996 herausgegebenen „Leitfaden für Benutzer" zur Neubearbeitung des „Deutschen Wörterbuches" wird ebenfalls nur allgemein auf die „pragmatischen Funktionen" der Wörter hingewiesen, die im Wörterbuchartikel dargestellt werden: „Die wortgeschichtliche Beschreibung erstreckt sich auf den gesamten Bereich inhalts- und ausdrucksseitiger Erscheinungen der Wörter. Sie umfaßt daher die grammatischen, semantischen und pragmatischen Funktionen der Wörter sowie deren lautlich-formale und syntaktische Erscheinungen. Darüber hinaus werden raum-zeitliche, sprachsoziologische, frequentielle und textsortengebundene Besonderheiten des Wortgebrauchs berücksichtigt." (S. 13) .

Zu den o.g. „Anwendungssphären" gehören m.E. die sog. stilistischen Markierungen, die am Anfang meiner Betrachtungen stehen.

2.1 Stilistische/diastratische Angaben

Im Abschnitt „Anstöszige wörter" der Vorrede zum „Deutschen Wörterbuch" bemerkt Jacob Grimm: „Die sprache überhaupt in eine erhabne, edle, trauliche, niedrige und pöbelhafte zu unterscheiden taugt nicht" (1DWB 1, Sp. XXXII). Und er wendet sich gegen Adelungs Meinung, dass „die ganz pöbelhafte" Sprechart „tief unter dem Horizonte des Sprachforschers" sei, daher man die zu dieser Sprechart gehörenden Wörter im Wörterbuch „nicht suchen darf, außer wenn einige besondere Umstände eine Ausnahme nöthig machten" (Vorrede 1774, I, S. XIV). Hartmut Schmidt (1986) hat im Zusammenhang mit der Darstellung von Adelungs funktionalen Kriterien der Sprachentwicklung und Sprachkritik darauf hingewiesen, „daß Adelungs Differenzierung der Sprachverwendung in der Grammatik - selbst im Vergleich mit dem Wörter-

1 Für eine Kopie der Diepersschen Richtlinien danke ich Herrn Wilhelm Braun.

buch - erstaunlich variabel ist und ebenfalls zu einem guten Teil durch Anwendung von Geschmackskriterien getragen wird" (S. 23).

Jacob Grimm beantwortet die Frage „Soll das wörterbuch die unzüchtigen wörter in sich aufnehmen oder sie weglassen?" in der Vorrede ('DWB 1, Sp. XXXIII) mit: „Das wörterbuch, will es seines namens werth sein, ist nicht da um wörter zu verschweigen, sondern um sie vorzubringen. es unterdrückt kein ungefälliges wörtchen, keine einzige wirklich in der sprache lebende form [...]". Und weiter: „Das wörterbuch ist kein sittenbuch, sondern ein wissenschaftliches, allen zwecken gerechtes unternehmen. selbst in der bibel gebricht es nicht an wörtern, die bei der feinen gesellschaft verpönt sind." (Ebd., Sp. XXXIV). Im Zusammenhang mit stilistischen Angaben im Grimmschen Wörterbuch spricht Anja Lenz (1998) vom Informationswert „Gebrauchsnorm" innerhalb der „sprachsoziologischer Zuordnung". Die sprachsoziologische Zuordnung „läßt erkennen, ob der Gebrauch eines Wortes oder einzelner Bedeutungen, Verwendungen markiert ist, so daß er durch eine sprachsoziologische Zugehörigkeit in einem allgemeinsprachlich üblichen Niveau nicht neutral verwendet werden bzw. nur mit seiner Markierung verstanden werden kann." (S. 172). Sie unterscheidet die Markierung „Gebrauchsnorm" und „Gebrauchssphäre". Der Informationswert Gebrauchsnorm „bezieht sich auf die Differenzierung des Sprachgebrauchs in unterschiedliche Schichtungen bezieht, die an einer bestimmten Norm gemessen werden". (Ebd.).

In der Vorrede zum Grimm wird nicht ausdrücklich auf die Verwendung von Markierungsprädikaten hingewiesen, sie sind auch nicht so häufig wie in den gegenwartssprachlichen Wörterbüchern. Zum großen Teil werden offene pragmatischer Kommentare verwendet, wobei all diese pragmatischen Markierungen und Kommentare nie absolut gelten, sondern dem historischen Wandel unterliegen.

Beginnen möchte ich nicht mit „unzüchtigen wörtern" ('DWB 1, Sp. XXXIII), sondern mit Wörtern, die man nach dem heutigen Stilschichtenmodell der gehobenen Stilebene zuordnen würde:

AAR [ar], m. aquila [...] erst aus dem zusammengestzten adalaro gieng unser scheinbar abgeleitetes adler hervor, und aar gilt noch in höherer dichtersprache:

fleuch auf du königlicher aar, dich schwingend in die lüfte!; junger aar, dein königlicher flug wird den druck der wolken überwinden.

BÜRGER an A. W. Schlegel. 0 DWB 1, 5)2

In der Neubearbeitung lautet der betreffende Eintrag:

2 Unterstreichungen der pragmatischen Angaben in den Wörterbuchartikeln von mir: K.-D. L.

AAR m. großer raubvogel, adler, milan. [...]

(2) b e d e u t u n g und g e b r a u c h [...] seit der mitte des 18. jhs. erscheint aar als poetische bezeichnung des adlers erneut in der schriftsprache ". [...] B aar als poet. bezeichnung des adlers in mod. sprache (ganz der versdichtung zugehörig, nur gelegentlich in die prosa entlehnt [...] (2DWB 1, 9 ff)

Bei Adelung finden wir keine pragmatische Angabe.3 Im WDG ist Aar als „dichterisch" markiert.

Weitere Beispiele für den Gebrauch „über neutral" sind:

ANGESICHT (Gesicht) erscheint 1854 ohne Markierung (1DWB 1, 350), in der Neubearbeitung unter Bedeutungspunkt 2 a „gesicht, antlitz" mit dem Hinweis „seit dem 18./19. jh. im unterschied zu gesicht zunehmend auf gehobenen gebrauch eingeschränkt" (2DWB 2, 970) Bei Adelung lautet die Zuordnung „in der höhern Schreibart", im WDG „gehoben".

FITTICH, m. [...] edler und feierlicher als flügel, in der bedeutung gleichstehend mit schwinge [...] (1DWB 3,1693)

Adelung markiert Fittich als „im Oberdeutschen und in der höheren Schreibart der Hochdeutschen", das WDG als „dichterisch".

HAUPT, n. caput. [...] B. bedeutung.

I. haupt im eigentlichen sinne, an menschen und thieren.

1) die moderne sprache hat für den begriff caput zwei worte, haupt und kopf, das erstere gewöhnlich nur in gehobener rede verwandt, das letztere der sprache des gemeinen lebens mehr eigen; das erstere zumeist den betreffenden körpertheil nur nach seiner äuszern erscheinung bezeichnend, das letztere sowol nach seiner äuszern als nach seinen innern bezügen ". (1DWB 4, 597) [...]

3) der neuere und seit dem häufigen aufkommen von kopf allmählich entstandene gebrauch von haupt weist dieses wort vorzugsweise der gehobenen, dichterischen rede an. gewöhnlicher wird es nur nach seiner hervorragenden stellung und äuszern erscheinung gezeichnet, seltener als sitz des denkens betont (ebd., 599)

Bei Adelung (1796, 2, 1008) lautet der in Frage kommende Wörterbucheintrag zu Haupt:

[...] 1. Eigentlich, oder vielmehr am häufigsten, der oberste Theil der menschlichen und thierischen Körper, wo dieses Wort für Kopf nur in der edlern und anständigem Sprechart gebraucht wird, besonders, wenn man von Personen redet, denen man Achtung und Ehrerbiethung schuldig ist. [...]

Das WDG bewertet Haupt für Kopf als gehoben.

Die Markierung gehoben wird in der Neubearbeitung des DWB z.B. verwendet im Eintrag zu FAUTEUIL

„gehoben, mit ausnahme des öst. im 20. jh. veraltend. Armstuhl, lehnsessel".(2DWB 9, 216)

3 Die in dieser Untersuchung genannten pragmatischen Angaben Adelungs beziehen sich auf die zweite Auflage seines „Grammatisch-kritischen Wörterbuches".

Als vom neutralen Sprachgebrauch „nach unten" abweichend, gilt die Markierung umgangssprachlich, z.B.:

AASEN vb. [...] 4 umgangssprachlich verbreitet, liederlich und verschwenderisch mit etwas umgehen (wohl vorwiegend norddt. [...] (2DWB 1, 15)

In :DWB und Adelung ist diese Bedeutung nicht verzeichnet, im WDG als „salopp derb" markiert.

EINSPÄNNER [...] 3 [...] umgangssprachlich oder regional begrenzt. a junggeselle, ohne familie lebende person [...] b sonderling, eigenbrötler, einzelgänger [...] (2DWB 7, 1032)

Und nun zu einigen „unzüchtigen wörtern" bzw. „ungefälligen wörtchen" im Sinne von Jacob Grimm:

AAS [as], n., esca, cadaver [...]

Verachtend und als heftige schelte: du aas! ihr äser! du faules oss! H. Sachs I. 5, 511 [...] (1DWB 1, 6)

Der wesentlich umfangreichere Artikel zu diesem Wort in der Neubearbeitung des „Deutschen Wörterbuches" weist AAS „als schmähwort u. in nahestehenden verwendungen" und unter „a seit alters als grobes schimpfwort" aus. (2DWB 1, 5)

Bei ADELUNG (1793, 1, 6) heißt es u.a. zu Aas: „Im gemeinen Leben im verächtlichsten Verstande auch von lebendigen Personen, besonders weiblichen Geschlechtes". Im WDG wird der übertragene Gebrauch allgemein zunächst mit „salopp" markiert und weiter zwischen „Schimpfwort" (so ein Aas!) und „derb" (ein schlaues Aas gewitzter Bursche' und kein Aas ,niemand') differenziert.

ABKRATZEN vb. [.] 2 sterben, in grober ausdrucksweise [.] ('DWB 1, 456 f.)

Diese Bedeutung ist in 'DWB und bei ADELUNG nicht verzeichnet. Im WDG lautet die Markierung „salopp derb".

KÖTER, m. hund in gewissem sinne [...]

1) jetzt gilt es für einen schlechten, besonders einen groszen hund, dann auch verächtlich oder derb für einen hund überhaupt" [.] ODWB 11, 1887)

Hier werden verächtlich und derb als Gebrauchshinweise verwendet.

ADELUNG gibt keine Bewertung, das WDG markiert Köter mit der Bedeutung „hässlicher, verwahrloster Hund" als „salopp abwertend".

Die folgende Tabelle zeigt die Bewertungen in den Wörterbüchern von Grimm und Adelung und im WDG

Stilistische Markierungen in Wörterbüchern

Lemmabeispiele ADELUNG GRIMM WDG

ANGESICHT in der höhern Schreibart 'DWB: - 2DWB: seit dem 18./19.jh. zu gesicht zunehmend auf gehobenen und dichterischen gebrauch eingeschränkt gehoben

FITTICH in der höheren Schreibart edler und feierlicher als flügel dichterisch

HAUPT in der edlern und anständigern Schreibart vorzugsweise gehobene, dichterische rede gehoben

AASEN (mit etwas verschwenderisch umgehen) (-) 'DWB:- 2DWB: umgangssprachlich salopp

ABKRATZEN (sterben) (-) 'DWB: (-) 2DWB: in grober ausdrucksweise salopp derb

KÖTER - verächtlich oder derb salopp abwertend

(-) = nicht in dieser Bedeutung aufgenommen - = ohne Markierung

Alan Kirkness (1980) hat in seinem Buch „Geschichte des Deutschen Wörterbuchs" im Zusammenhang mit Ausführungen zum „Volksmäßigen" darauf hingewiesen: „Von Grimms Bestreben, den volksmäßigen Sprachgebrauch voll zur Geltung kommen zu lassen, zeugen u.a. die sehr häufigen Hinweise auf Sammlungen der Rechtsaltertümer und der Weistümer, [...] so-

wie die ausführliche Behandlung der sogenannten anstößigen Wörter wie bescheißen, brunzen oder Arsch' (S. 21). Entsprechend äußert sich Joachim Dückert (1987, S. 17): „Das derbe Wortgut bis hin zum obszönen fand im DWB Aufnahme als Teil der Volkssprache, der Jacob Grimms besondere Aufmerksamkeit und Neigung galt und deren Wortschatz er, auch durch entsprechende Kommentierung, aufzuwerten suchte".

In diesem Zusammenhang kann ich mir ein Zitat aus der „Vorrede" des „Deutschen Wörterbuches" nicht versagen, in der Jacob Grimm bemerkt:

„Die natur hat dem menschen geboten das geschäft der zeugung so wie der entleerung vor anderen zu bergen und die es verrichtenden theile zu hüllen; was diese innere zucht und scheu verletzt, heiszt unzüchtig (obscoenum, wahrscheinlich von coenum, also inquinatum, spurcum). was man aber vor den augen der menge meidet, wird man auch ihrem ohr ersparen und nicht aussprechen. Das verbot ist jedoch kein absolutes, vielmehr da jene verrichtungen selbst natürlich, ja unerläszlich sind (naturalia non sunt turpia), müssen sie nicht nur insgeheim genannt, sondern dürfen unter umständen auch öffentlich ausgesprochen werden." ^DWB 1, XXXII f.).

Die Praxis, die den Anschauungen von Jacob Grimm zugrunde liegt, dass das Wörterbuch „kein sittenbuch, sondern ein wissenschaftliches, allen zwecken gerechtes unternehmen" CDWB 1, XXXIV) ist, zeigt sich wie folgt:

ARSCH, m. culus, anus, podex, pl. ärsche [...]

In einer groszen anzahl von derbkräftigen, oft sinnreichen und poetisch gewandten redensarten des volks, welche die feine welt scheu abweist, spielt dies wort eine hauptrolle; viele derselben sind so alt, auch unsrer sprache gemein mit andern, dasz sie hier nicht übergangen werden dürfen. das althertum war natürlich und gerade heraus, heute hält man für anständig, sich nur abgezogner ausdrücke wie der after, der hintere, das gesäsz, der sitzer, die sitztheile oder gar des euphemismus der allerwertheste zu bedienen:

must all die garstigen wörter lindern,

aus scheiszkerl schurk, aus arsch mach hintern.

GÖTHE 56, 66,

es gibt aber augenblicke, wo der rede noch immer das unverhüllte wort entschlüpfen musz, in manchen redensarten wird es noch jetzt, vordem aber viel öfter, arglos und gleichgültig augesprochen. [.] CDWB 1, 564)

Wir entnehmen dem Wörterbuch also, dass das Wort in einer „großen Anzahl" von „Redensarten des Volks" vorkommen, die „derbkräftig" sind und dass „die feine Welt" diese Redensarten „scheu abweist". Es ist beinahe ein klassisches Beispiel, das in der Sekundärliteratur immer wieder genannt wird, z.B. auch von Alan Kirkness (1980) und Joachim Dückert (1987),

um zu zeigen, wie sehr Grimm für die Aufnahme volksmäßigen, anstößigen, derben, groben und auch obszönen Wortschatzes plädierte, Wörter, die zum Fäkal- und Sexualbereich gehören. In der Neubearbeitung lautet der Wörterbucheintrag zu Arsch mit den in Frage kommenden pragmatischen Markierungen oder Bewertungen:

ARSCH m.

[...] (3) b e d e u t u n g u n d g e b r a u c h. das schriftspr. nur in drastischer, derber ausdrucksweise, im 16. jh. in volkstüml. u. satir.-belehrenden texten dicht., im 18. u. 19. jh. allg. schwach (vornehmlich in sturm-u.drang-lit. u. privattexten) bezeugte wort findet, soweit nicht durch umschreibung gemieden [...] oder durch metathese, kürzung u.ä. verhüllt, [...] erst im 20. jh. breitere lit. Verwendung, vor allem in vielfältigen phraseolog. verwendungsweisen [...]"

1 hinterteil, gesäß, after, auch (u. zuerst häufig) von tieren [...]

häufig in phraseolog. verwendungsweisen, bes. der derb verstärkenden darstellung u. des grob emotionalen ausdrucks von unwillen, ablehnung, geringschätzung, z.b. leck mich im, am arsch oder jmdm. in den arsch kriechen [...]

2 person von geringem ansehen, niedriger stellung verachtung; vor allem als derbes, ablehnung, verachtung, geringschätzung ausdrückendes schimpfwort; in fester wendung in älterer spr. Hans Arsch, jünger soldatensprl. schütze Arsch [...]

3 arsch der welt derb abwertend, entlegener (u. daher langweiliger u.ä.)ort' [...] (2DWB, 3, 293 ff.)

Bei Adelung (I, 1793, 438) heißt es in der Anmerkung zu diesem Wort u.a.: „ So unentbehrlich dieser Theil unsers Leibes auch in den Zänkereyen des Pöbels geworden ist, und so viele Anspielungen auf denselben auch wohl im Scherze gemacht werden: so sind die doch alle so niedrig, daß man sie hier nicht suchen darf". Das WDG markiert Arsch mit „ vulgär "

Das seit dem 18. Jahrhundert veraltete und von furzen abgelöste Verb farzen für „eine darmblähung (laut) entweichen lassen" ist in der Neuberarbeitung mit dem Markierungsprädikat „derb" (2DWB 3, 154) versehen, in 'DWB (3, 1335) erscheint es ohne Bewertung

Im „Deutschen Wörterbuch" findet man auch Angaben, wie sie in ähnlicher Form bei Adelung vorkommen, z.B.: ROTZ, m. mucus [...]

1) bei menschen der schleim in den nasenhöhlen; jetzt nur in niederer sprache [...] (1DWB 14, 1326)

Bei Adelung (III, 1798, 1182) steht: Der Rotz

[...] 1) Eigentlich, die zähe schleimige Feuchtigkeit, welche sich aus den Drüsen in der innern Nasenhaut absondert, besonders in der niedrigen Sprechart [.]

Im WDG lautet die Markierung „vulgär".

2.2 Diaevaluative/diakonnative Markierungen

Hiermit sind Markierungen gemeint, die auch zu stilistischen Angaben gehören und die etwas über die Haltung des Sprechers oder die Nuancierung einer Äußerung aussagen sollen, also die Sprecherintention anzeigen. In der gegenwartssprachlichen Lexikographie werden derartige Markierungen zu den „Stilfärbungen" oder „Gebrauchangaben" gezählt, z.B. pejorativ oder abwertend, Schimpfwort, verhüllend. Anja Lenz spricht von „Sprachhandlungsmarkierungen" (1998, S. 180 ff.).

In den mit After- gebildeten Zusammensetzungen begegnet man in Gruppe 5 „unecht, falsch, scheinbar" und unter a „in zahlreichen bildungen pejorativ, auch i. s. v. schlecht, unrechtmäßig" z.B.: -arzt, -gelehrter, -kritik, -kultur, -kunst, -name (abwertender beiname, schimpfname), -poesie. (2DWB 2, 7)

FACHCHINESISCH n. zuss. mit fach n. abwertend. dem laien oder außenstehenden unverständlich erscheinende sprache von fachleuten (2DWB 9, 18)

EINTÄNZER m. [...] bezahlter tanzpartner, gigolo (meist abschätzig) [...] (2DWB 7, 1083)

Statt „abwertend" oder „abschätzig" findet sich auch der Kommentar „mit negativer konnotation" z.B. beim Lemmazeichen

Fahl adj. [...] 1 hellfarbig [...] b bleich, von geringerfärbung, gräulich; häufig in kollokativer verbindung mit subst. wie licht, himmel, gesicht(sfarbe) mit negativer konnotation [...] (2DWB 9 32 f.)

Diaevaluative Angaben wie „euphemistisch" oder „scherzhaft" begegnen z.B. bei

EINSCHLUMMERN vb. [.] 3 sterben, euphemistisch [.] (2 DWB 7, 976 f.)

EINSPÄNNER m. [...] 3 [...] a junggeselle, ohnefamilie lebendeperson [...] - strohwitwer (scherzhaft) [...] (2DWB 7, 1032)

EINSPÄNNIG adj. [...] 3 mit bezug auf verhalten oder status von personen, auf die lage von örtlichkeiten, auf eignung, eigenschaft von etwas a alleinstehend, einzeln dastehend, vereinzelt [...] jünger umgangssprachlich scherzhaft, unverheiratet' [.] (2DWB 7, 1033)

2.3 Diachronische Markierungen

Wenn ich mich den diachronischen Markierungen zuwende, so meine ich damit nicht die sprachhistorische Zuordnung, wie im „Deutschen Wörterbuch" das Aufkommen und einzelne Abschnitte in der Geschichte der Stichwörter und ihrer unterschiedlichen Bedeutungen und Verwendungen zeitlich eingeordnet werden, so dass sich daraus die Entwicklung des Wortes

ablesen lässt (vgl. hierzu den Informationswert „sprachhistorische Zuordnung" in der Untersuchung von Anja Lenz 1998, S. 151 ff.), sondern es geht um die Frage, ob Wörter als Neologismen und Archaismen als solche gekennzeichnet werden. Im WDG werden dafür bekanntlich die Kennzeichnungen Neuwort, Neuprägung und Neubedeutung verwendet. Im „Deutschen Wörterbuch" gibt es derartige Hinweise zu Recht nicht. Ich halte die Kennzeichnung von Lexemen als Neologismen auch in einem allgemeinen synchronischen Wörterbuch für überflüssig, da sie, wenn hier kodifiziert, als voll der allgemeinsprachlichen Lexik zugehörig angesehen werden; sie sind lexikalisiert.

Im weitesten Sinne könnte man den Hinweis modern in diesem Zusammenhang erwähnen, so unter

AALEN vb. [.] 3 modern sich aalen sich wohlig dehnen und winden, in der sonne ausruhen [...] mit einem Erstbeleg von 1899. (2DWB 1, 7)

oder auch „fachsprachliche neubildung" unter

ALKALOID n. fachspr. neubildung aus alkali und -oid [...] eine der meist giftigen organischen verbindungen von alkalischer beschaffenheit, die hauptsächlich in pflanzen vorkommen [...] (2DWB 2, 275)

Zur Kennzeichnung von Archaismen dienen in der Gegenwartslexikographie im Allgemein die Kernmarkierungen veraltend und veraltet. Im „Deutschen Wörterbuch" habe ich veraltend gefunden, hier immer mit zusätzlicher Zeitangabe, wann veraltend, so z.B. bei

FAUTEUIL m. lehnwort aus frz. fauteuil m. [...] gehoben, mit ausnahme des öst. im 20. jh. veraltend. armstuhl, lehnsessel [...] (2DWB 9, 216)

EINTRITTSBILLETT n. [...] kärtchen, das zum besuch einer veranstaltung oder öffentlichen einrichtung berechtigt. im 20. jh. weitgehend ersetzt durch eintrittskarte [...] als veraltend und für das schweiz. noch gebucht [...] - Mit Hinweis auf das WDG. (2DWB 7, 1112)

Man könnte auch Hinweise wie „gebräuchl. noch ..." hier anführen, wie man sie auch in Gegenwartswörterbüchern findet, in der Neubearbeitung des „Deutschen Wörterbuches" z.B. unter

AFTER m., n. [...]

A hinterteil (m.):

1 hinterteil des körpers, gesäß, anus; gebräuchl. noch in medizin undzoologie [.] (2DWB 2, 5)

2.4. Diatopische Markierungen

Diatopische Markierungen sollen dem Benutzer Auskunft über den areal begrenzten Gebrauch von Lexemen geben. Bekanntlich sollten bloße Mundartwörter keine Aufnahme ins „Deutsche Wörterbuch" finden, es sei denn Mundartwörter werden von „guten Schriftstellern" wie z. B. Opitz oder Logau gebraucht (vgl. Joachim Dückert 1987, S. 15). Ich verweise vor allem auf den Beitrag „Zur Rolle der Mundarten im Deutschen Wörterbuch" von Hermann Niebaum in den „Studien zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm" (1991), der die Funktionen herausarbeitet, nach denen die Aufnahme mundartlicher Belege und Angaben gemacht werden.

Nur zwei Beispiele für Wörterbucheinträge sollen angeführt werden, in denen der allgemeine Hinweis „mdal." (= mundartlich) steht und speziellere Mundargebiete angegeben werden.

EINTUNKE f. [...] flüssigkeit, in die etwas eingetunkt wird, brühe, sauce, über das 17. jh. hinaus noch lexikalisch und mdal. [.] (2DWB 7, 1116)

EINSPÄNNER m. [...] 2 [...] das ein fahrzeug allein ziehende pferd. mdal. im bad. hierher auch (?) kräftiges, strammes mädchen, mdal. im südhess. [.] (2 DWB 7, 1032)

Wir finden im „Deutschen Wörterbuch" aber auch sprachgeographische Zuweisungen, wie sie in allgemeinen einsprachigen Wörterbüchern der deutschen Gegenwartssprache auftreten, z.B. nordt. (= norddeutsch), omd. (= ostmitteldeutsch), süddt. (= süddeutsch) oder öst. (= österreichisch) und schweiz. (= schweizerisch), die sich auf Großlandschaften beziehen:

EINSTIPPEN vb. [...] speisen in eine flüssigkeit eintauchen. vor allem norddt. [...] (2DWB 7, 1067)

EINSTELLEN vb.[...] C [...] 2 jmdm. etwas untersagen, abgewöhnen. vornehmlich süddt., öst. [...] 3 rechts-, amtssprachlich im schweiz. ajmdm. etwas aberkennen [...] b jmdn. von seinem amt, seinen rechten suspendieren [...]

(2DWB 7, 1057 ff.)

2.5 Diatechnische Markierungen

Hierunter fallen fachsprachliche Markierungen, die Hinweise auf die Verwendung einer lexikalischen Einheit mit einer fachspezifischen Bedeutung geben. Neben der fachsprachlichen Kennzeichnung lexikalischer Einheiten wird in Wörterbüchern auch angezeigt, ob ein Wort zu einer Sondersprache (Gruppensprache) zu zählen ist. Anja Lenz (1998) bezeichnet diesen „Informationswert" als „Gebrauchssphäre": „Dieser Wert bezieht sich auf den Gebrauch der

Wörter oder einzelner Bedeutungen und Verwendungen in Fach- und Sondersprachen bzw. in thematisch und fachlich gebundenen Zusammenhängen". (S.174). Beispiele hierfür sind:

ABKÖMMLING m. 1 nachkomme, nachfahre'. streng genealogisch und auch freier (zunächst von personen oder personengruppen); häufig rechtssprachlich (meist erbrechtlich). Die auffassung ist neutral, pejorativ aufgefaßte verwendungen sind in der regel sachbedingt [.] (2DWB 1, 449 f.)

EINSCHLÄGER m. [...] 1 [...] im bergbau, person, die mit dem abschlagen, zubereiten von etwas beschäftigt ist [...]

(2DWB 7, 964)

ABPROTZEN vb. [.] 3 soldatensprachl. derb [.] große notdurft verrichten [.] (2DWB 1, 652)

EINSCHRECKEN vb. 1 jagdsprach lich: tiere durch erschrecken in eine falle treiben [...] (2DWB 7, 993)

EINTRITT m. [...] C [...] 3 das wirksamwerden, inkrafttreten. rechts- und verwaltungssprachlich [...] (2 DWB 7, 1109 ff.)

Im Übrigen hat sich Jürgen Schiewe (1991) ausführlich über die Aufnahme fachsprachlichen Wortschatzes in seinem Beitrag „Fach- und Wissenschaftssprachen im Deutschen Wörterbuch" geäußert und untersucht, welche Fachssprachen im „Deutschen Wörterbuch" berücksichtigt worden sind.

Zum Schluss möchte ich auf die relativ reichlich vorhandenen pragmatischen Markierungen aufmerksam machen, die sich in Wörterbuchartikeln zu Verwandtschaftsbezeichnungen im Grimmschen Wörterbuch finden4.

3. Pragmatische Markierungen zu Verwandtschaftsbezeichnungen - ein Exkurs

Beginnen möchte ich mit der MUTTER, zu der es im Grimmschen Wörterbuch einen rund acht Spalten umfassenden Wörterbuchartikel gibt ('DWB 12, 2804-2812). Im Folgenden werden einige Verwendungen angeführt, zu denen pragmatische Angaben zu finden sind: MUTTER, f. mater. [...]

2) die stellung der mutter in ehe undhaushalt zeigt die sprache in manigfachen wendungen. [.]

d) das leibliche verhältnis der mutter zu de, kinde wird vom sprichwort als gewisser hingestellt, als das des vaters [...]

so dasz selbst einfaches mutter in gehobener rede für das sorgende und liebende muttergefühl stehen kann: die mutter in ihr sprach lebhaft für die unschuld des kindes [.]

e) mutter mit possessiven: du solt deinen vater und deine mutter ehren. 2 Mos. 20, 12 [...]

in verbindung mit dem titel frau, bei neueren alterthümelnd:

4 Für diese Anregung und für kritische Hinweise zum Text danke ich Hartmut Schmidt.

frau mutter, ich komm aus dem morgenland.

ARNDT ged. (1840) 288 [...]

f) in biblischer rede nennt einer seine geschwister seiner mutter kinder: sei ein herr über deine brüder, und deiner mutter kinder müssen dir zu fusze fallen. 1 Mos. 27, 29 [.]

deutsch dagegen und mit neckischem beiklange ist meiner mutter sohn, meiner mutter tochter = ich [.]

und noch jetzt vielfach in gewöhnlicher scherzhafter rede: das war so etwas für meiner mutter sohn, hier konnte

ich mich laben;

wohlfeiler als um einen derben schmatz

wird meiner mutter sohn sich nimmermehr ergeben.

WIELAND 18, 157.

g) mutter, die hausfrau, ohne bezug auf das verhältnis zu den kindern, vergl. hausmutter; in vielen gegenden ehrenbezeichnung in bäuerlichen und kleinbürgerlichen verhältnissen: in der Oberpfalz wird die gattin des hausvaters von sämtlichen hausgenossen und dienstboten mutter, wie er vatter genannt. [.]

aber auch in gehobener rede:

sorgsam brachte die mutter (die wirtin zum löwen) des klaren herrlichen weines. GÖTHE 40, 201;

ach, des hauses zarte bande sind gelöst auf immerdar; denn sie wohnt im schattenlande, die des hauses mutter war. SCHILLER glocke v. 261.

h) diese bezeichnung übertragen auf ältere ärmere weiber, auch die einem haushalte nicht vorstehen, in niedrig traulicher rede: [...]

he mutter, seid so gut, schreit Scherasmin sie an, und weiset uns den weg zu einem han.

WIELAND 22, 165 (Oberon 4, 36)

SCHWESTER, f soror. [...] II. bedeutung und gebrauch.

1) im gewöhnlichen sinne weibliches kind der gleichen eltern. [...]

b) schwester mit der bezeichnung der person, zu der dies verwandtschaftsverhältnis statthat [.] die schwester eines angeredeten wird heute in förmlicher sprache ihr fräulein schwester, ihre frau schwester genannt, in älterer zeit entsprechend ihre jungfer schwester [...] als anrede: meine schwester, besonders in gehobener sprache: Lottchen. weiszt du eine bessere gesellschaft, als die unsrige? Julchen. Ach nein, meine schwester. GELLERT 3 (1775),13 [...]

d) sonst wird schwester genauer bestimmt durch jünger, älter: sie hat aber eine jüngere schwester die ist schöner denn sie. richter 15,2 [...]

gnomisch: die ältern schwestern haben doch immer etwas an den jüngern auszusetzen. GELLERT 3 (1775), 21 [.] auch heute gebrauchen wir noch zur bloszen bezeichnung des alters mittlere schwester und scherzhaft kleine, grosze schwester [.]

5) in verbindung mit adjectiven oder in zusammensetzungen erscheint das wort zur herabsetzenden bezeichnung von weiblichen personen überhaupt [...] leichtfertige, lose schwester [...] kuttentolle, verhurte, freche, verbuhlte schwester [...] 0DWB15, 2594-2602)

Betrachten wir zum Schluss noch die

MUHME, f. weibliche seitenverwandte. [...] 5) muhme, verhüllend für beischläferin [.] ODWB 12, 2644-2647)

5. Schlussbemerkungen

Gerade die letzten und auch die anderen bei kursorischer Durchsicht ermittelten Beispiele zeigen, dass im „Deutschen Wörterbuch" von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm durchaus nicht mit pragmatischen Markierungen gespart worden ist, es gab nur keine verbindliche systematische Markierungspraxis nach einem vorgeschriebenen Schema wie in den Wörterbüchern der deutschen Gegenwartssprache. Insofern gehört der Grimm tatsächlich zu einer „unsystematisch-deskriptiven Phase" in der Geschichte der lexikographischen Angaben zum Stil.

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