Scholarly article on topic 'Literaturbesprechungen'

Literaturbesprechungen Academic research paper on "Sociology"

0
0
Share paper
Keywords
{""}

Academic research paper on topic "Literaturbesprechungen"

Köln Z Soziol (2011) 63:501-530 DOI 10.1007/s11577-011-0140-7

LITERATURBESPRECHUNGEN

Soziologische Theorie, Architektursoziologie, Stadtsoziologie, Migrationssoziologie, Konsumsoziologie, Komplexitätsforschung, Emotionssoziologie

Inhaltsübersicht

Soziologische Theorie

Kauppert, Michael: Erfahrung und Erzählung. Zur Topologie des Wissens (Stephan Hein) Kron, Thomas, und Thomas Grund (Hrsg.): Die Analytische Soziologie in der Diskussion

(Christian Dayé)

Giesen, Bernhard: Zwischenlagen. Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit (Dmitri Zakharine)

Architektursoziologie

Delitz, Heike: Architektursoziologie (Laura Kajetzke) Stadtsoziologie

Löw, Martina: Soziologie der Städte (Bernhard Schäfers)

Zukin, Sharon: Naked City. The Death and Life of Authentic Urban Places (Jürgen Friedrichs)

Lapeyronnie, Didier: Ghetto urbain. Ségrégation, violence, pauvreté en France aujourd'hui

(Rainer Neef)

Migrationsssoziologie

Ette, Andreas, und Leonore Sauer: Auswanderung aus Deutschland. Daten und Analysen zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger (Till Kathmann)

Konsumsoziologie

Hellmann, Kai-Uwe: Fetische des Konsums. Studien zur Soziologie der Marke (Christian Wymann)

Komplexitätsforschung

Füllsack, Manfred: Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten. Eine Einführung in die Komplexitätsforschung (Klaus G. Troitzsch)

Emotionssoziologie

Sieben, Barbara, undÄsa Wettergren (Hrsg.): Emotionalizing Organizations and Organizing Emotions (Nina R. Jakoby)

Kölner Zeitschrift ItirSo/.Hilojik'tiiul So/.i;ilfisid]<)l(>i>K'

© VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011

Soziologische Theorie

Kauppert, Michael: Erfahrung und Erzählung. Zur Topologie des Wissens. Mit einem Vorwort von Hans-Joachim Giegel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. 2. korrigierte Auflage. 320 Seiten. ISBN: 978-3-531-17454-9. Preis: € 34,90.

Stephan Hein

Als empirische Wissenschaft hat es die Soziologie nicht zuletzt mit kollektiven Erfahrungen zu tun, ein Umstand, der immer auch Anlass für Reflexionen ist, die nach dem Verhältnis von Erfahrung und ihrer empirischen Zugänglichkeit fragen. Michael Kauppert interessiert sich für dieses Verhältnis aus der Perspektive der Erzählung, insbesondere der autobiographischen Stegreiferzählung, und er schlägt dafür eine sehr spezifische Dimensionierung vor. Inhaltlicher Ausgangspunkt ist die Lebensweltproblematik der phänomenologischen Denktradition (für die die Strukturen der Lebenswelt den Inbegriff der Organisation von Weltvertrautheit und damit von Erfahrung bildet), erschlossen und reformuliert wird diese Problemstellung jedoch nicht mit phänomenologischen, sondern mit strukturalistischen Mitteln. Ziel seines Unternehmens ist es nachzuweisen, wie sich im Medium des Erzählens elementare Strukturen der Weltvertrautheit erschließen, ein kognitiver Komplex, den er Erfahrungsraum nennt.

Dass dieses Projekt, wie bereits durch das Aufrufen „elementarer Strukturen" anklingt, unter der Überschrift eines an Lévi-Strauss orientierten Strukturalismus steht, hat wesentlich zwei Hintergründe. Zum einen ist es ein Problem, mit dem sich das Lebensweltkonzept konfrontiert sieht, nämlich diesseits seiner universalistischen Geste keinen empirisch-historischen Erfahrungszusammenhang zu beschreiben. Zum anderen ist es eine basale theoretische Prämisse, die im Verlauf der Arbeit als für die Problemstellung elementar ausgewiesen wird: In den Tiefendimensionen der Erfahrungsorganisation liegt die Vertrautheit mit der Welt nicht als Korrelat bereits intentional verfassten Sinns vor, sondern sie ist vielmehr der Effekt einer Struktur, deren Elemente (gleich den Phonemen in der Sprache) selbst keine Träger von Sinn sind.

Damit ist ein komplexer und vielschichtiger gedanklicher Bogen angedeutet, weshalb ein Hinweis auf den inneren Aufbau des Buches lohnt. Der Autor geht sein Projekt zugleich von mehreren Seiten an, die erst im vierten Teil des Buches durch die Einführung einer strukturalen Perspektive zusammenfinden. Viele der verfolgten Argumentationslinien gewinnen so in Vor- und Rückgriffen an Konturen, was den Leser vom formalen, dem Textmedium geschuldeten, Aufbau mitunter freistellt. Man kann auch gut beim Resultat beginnen (Teil IV), um sich zu den Argumentationen der anderen Kapitel hinzuarbeiten.

Eine erste Ebene der Auseinandersetzung ergibt sich aus dem Umstand, dass es in der Soziologie v. a. die Biographieforschung ist, die sich für den Zusammenhang von Erfahrung und alltagsweltlicher Narration interessiert. Hier, so die berechtigte Vermutung, könnte man fündig werden. Teil I des Buches ist jedoch das Protokoll einer anspruchsvollen Enttäuschung. Folgt man Kaupperts pointierten Durchgang durch die prominenten Positionen biographischer Methodologien (Schütze, Rosenthal, Oevermann), wird spürbar, dass sie bei allen, v. a. im Forschungsfeld selbst beharrlich vorgetragenen Differenzen

in einem problematischen Zug konvergieren. Kauppert identifiziert insbesondere zwei Prämissen (S. 74 ff.): Erstens, eine auf der Ebene der vom biographischen Interpreten zugrunde gelegten Auffassung von Bedeutungen, deren Zentrum auf die eine oder andere Weise die punktuelle Indifferenz zwischen der sprachlichen Darstellung von Erfahrung und den Mechanismen ihrer handlungsförmigen Konstitution ist. Zum zweiten, auf der Ebene interner Relationen, die Hervorhebung oder die Betonung der Verknüpfung von biographisch-erfahrungsmäßig relevanten Elementen (also von Ereignissen, Handlungsketten usw.). Es scheint, dass in der Biographieforschung der Einsatz von Erzählungen um den Preis einer eigentümlichen Transparenzfiktion erfolgt (S. 88). Soweit eine forschungspraktische Ausgangslage.

Kaupperts Intuition im zweiten Teil des Buches ist nun zunächst die, dass auf einer elementaren Ebene ein Zusammenhang zwischen Erfahrung und Erzählung aufzuspüren sein muss, der schlicht aus dem everyday life, aus der alltäglichen Motiviertheit von Erzählungen hervorgeht. Wenn man so will: Es gibt weit mehr zu erzählen, weil es weit mehr zu erfahren gibt und dies auf je sehr verschiedene Weise. In den Blick rückt eine interne Differenzierung von Erfahrungshaltungen, von narrativen Selbstverhältnissen, deren soziale Anlässe sowie ihre spezifischen Ausformungen in Interaktionssituationen. Damit sind gleichermaßen subjektive Erwartungen (deren Erfüllungen und Enttäuschungen inbegriffen), die sozial angelieferten Formen ihrer Rationalisierung in Erlebnisberichten, Bildungsgeschichten und Konversionserzählungen (S. 114 ff.) sowie im Weiteren deren kommunikative Reflexivierung in der Differenz von Ego und Alter gemeint (S. 125 ff.). All dem liegen je spezifische Erfahrungsdimensionen zugrunde, von denen angenommen werden muss, dass sie in variierenden Ausprägungen auch in autobiographischen Stegreiferzählungen präsent sind. Kauppert ruft diesen Problemkomplex jedoch nicht mit dem Ziel einer Sozialpsychologie oder einer Sozialisationstheorie auf, deren Option sich, nicht zuletzt durch den Rückgriff auf Mead, durchaus abzeichnet.

Im nun folgenden Rückgriff auf die phänomenologische Tradition des dritten Teils deutet sich vielmehr die Möglichkeit einer folgenreicheren Reformulierung der Problemstellung an: Nicht die Erfahrung(en) oder deren interne Beziehungen und ihre narrative Repräsentation, sondern eine Tiefenschicht der Organisation von Erfahrung schlechthin und deren kommunikative Reproduktion in Erzählungen rücken in den Blick. Denn zwischen den verschiedenen Erfahrungshaltungen, ihren kognitiven und kommunikativen Sedimentierungen muss es ein Bindeglied geben, welches sicherstellt, dass es einen Erfahrungszusammenhang gibt; dass ein Subjekt sich in der Fülle seiner Erfahrungen nicht verliert.

Auf diese Reformulierung wird in einer Passage durch die Lebenswelttheorien von Husserl, Schütz und Habermas hingeführt, die dazu dient, den Impuls einer Tiefenschicht der Erfahrungsorganisation, wie er im Konzept der Lebenswelt vorliegt, aufzunehmen, ihn jedoch ins Empirische zu wenden. Wenn die Lebenswelt koextensiv mit Vertrautheit ist und damit der Subversionsarbeit des Verstandes entzogen bleibt, dann wird ein empirischer Zugang v. a. durch einen Wechsel in den Prämissen möglich. Als ein stummes Wissen ergibt sich Vertrautheit durch eine Ordnung differenzieller Abstände (S. 209), als deren funktionales Reproduktionsmodell die Erzählung, v. a. jene autobiographischen Zuschnitts begriffen werden kann (S. 226). Wenn hierfür die vier Bände der Mythologica von Lévi-Strauss das methodologische Vorbild abgeben, dann nicht etwa deshalb, um

autobiographische Erzählungen als Mythen aufzufassen, sondern um sie wie Mythen zu analysieren.

Was bleibt zu tun? In einem vierten und letzten Teil geht es nun praktisch zur Sache. Nachdem Kauppert die paradigmatischen Grundzüge der strukturalen Analyse präsentiert, unterzieht er ein transkribiertes autobiographisches Interview einer solchen. Man muss schließlich sehen können, was man zu sehen bekommt, wenn man auf diese Weise vorgeht. Die Motivierungstechnik des autobiographisch-narrativen Interviews bleibt die selbe wie die von Schütze vorgeschlagene Form; nur interessieren jetzt ganz anders gelagerte narrative Zugzwänge, nämlich solche auf der Ebene von symbolischen Operatoren. Folglich endet das Buch mit einem neuerlichen Anfang, mit einem ersten Schritt, denn der Fluchtpunkt einer strukturalen Analyse ist nicht der Erfahrungsraum eines Subjekts, sondern ein kollektiver, dessen höherstufiger Intercode die wechselseitige Übersetzbarkeit subjektiver Erfahrungsräume garantiert (S. 293). Diesen nächsten Schritt aber zu tun bedeutet, einen nicht unmaßgeblichen Teil seines Lebens zu investieren.

Kaupperts Buch beeindruckt zum einen durch die mehrschichtige Organisation seines Arguments, zum anderen durch den Rückgriff auf eine hierzulande nie wirklich angekommene Denktradition, der er sich mit seltener Ernsthaftigkeit verpflichtet fühlt. Das Buch sei deshalb auch all jenen empfohlen, die sich mit als Paradigmenwechsel verkleideten Theoriemoden nicht abfinden wollen. Darüber hinaus motiviert das Buch zu einem nachdenklichen Forschungsprogramm. Wer wird diese Arbeit leisten?

Kron, Thomas, und Thomas Grund (Hrsg.): Die Analytische Soziologie in der Diskussion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. 302 Seiten. ISBN: 978-3531-16914-9. Preis: € 29,95.

Christian Daye

Der vorliegende Sammelband nimmt sich vor, Grundlagen und Erklärungsreichweite der Analytischen Soziologie kritisch zu diskutieren. Hauptbezugspunkt der meisten Beiträge ist Peter Hedströms Buch Dissecting the Social (2005), dessen Übersetzung ins Deutsche von Thomas Kron ediert wurde und unter dem Titel Anatomie des Sozialen erschien (Hedström 2008). Wie die Herausgeber einleitend erklären, stand nicht „intellektuelle Lobpreisung" im Fokus ihrer editorischen Aufmerksamkeit, „sondern es soll nach Möglichkeiten und Notwendigkeiten Ausschau gehalten werden, die Analytische Soziologie fortzuentwickeln" (S. 7).

Die Beiträge wurden zu drei thematischen Blöcken mit den Titeln Sozialtheorie, Handlungstheorie und Methodologie gruppiert. Der Beitrag von Michael Schmid diskutiert Schwächen der der analytischen Soziologie Hedströms zugrunde liegenden Desire-Belief-Opportunity, kurz DBO-Theorie. Neben der Kritik an der DBO-Theorie befasst sich Schmid auch mit Hedströms wissenschaftstheoretischer Position. Er schlägt vor, das dort vertretene kausal- und testtheoretische Verständnis der konzipierten Modelle „zugunsten eines kritischen Realismus und dessen Bewährungstheorie" (S. 61) aufzugeben und somit nicht auf induktive Bestätigung von Theorien und Modellen abzuzielen, sondern auf deren Widerlegung.

Ähnlich kritisch und zugleich überzeugend argumentiert auch Rainer Greshoff. Gres-hoffs Kritik zielt auf zwei grundlegende Aspekte. Erstens sei die Begrifflichkeit Hedströms in einem Maße unbestimmt, dass es ihm verunmöglicht, sein selbst formuliertes Ziel zu erreichen (vgl. S. 74 ff.). Hedströms Anspruch ist, zu erklären, wie soziale Phänomene individuelle Handlungen beeinflussen und wie im Gegenzug individuelle Handlungen soziale Phänomene erzeugen. Jedoch bleiben sowohl der Vorgang des „Beeinflussens" wie auch der des „Hervorbringens" bei Hedström unbestimmt. Greshoffs zweiter Kritikpunkt ist, dass unklar sei, aus welchen Gründen Akteure bestimmte DBO-Strukturen und als deren Folge bestimmte Handlungen wählen.

In Jürgen Mackerts Beitrag wird der Forschungsansatz Robert Mertons mit dem der Analytischen Soziologie verglichen. Gegenüber der Inthronisierung Mertons als Gründervater der Analytischen Soziologie entwickelt Mackert die These, „dass der entscheidende Unterschied [des Mertonschen Ansatzes, Ch. D.] zu jenem der analytischen Soziologie in der grundlegenden Bedeutung von Opportunitätsstrukturen, der Rolle von Konflikten sowie der spezifischen Erklärung durch Mechanismen zu suchen ist" (S. 91), und kann diese These auch plausibel belegen.

Christofer Edling und Jens Rydgren, beide erklärte Anhänger des Hedströmschen Ansatzes (vgl. S. 115), kritisieren an dessen Anatomie des Sozialen unter Rückgriff auf James Coleman, dass dessen Fokus zu stark auf einer Mikro-zu-Mikro-Beeinflussung läge und der Makro-zu-Mikro-Verbindung zu wenig Aufmerksamkeit zukäme. Individuelle Interessen seien nur eine Triebfeder des Handelns; ein weiterer, wichtiger Antrieb sei beispielsweise die Identität oder das Zugehörigkeitsgefühl des Einzelnen zu Kollektiven, Gruppen, zur Gesellschaft. Die Autoren plädieren dafür, die Analytische Soziologie stärker gegenüber klassischen soziologischen Ideen wie „Kultur" und „Identität" zu öffnen.

Ein Text von Markus Baum schließt den ersten Themenblock ab. Baum macht es sich zur Aufgabe, den normativen Standpunkt des analytischen Soziologen kritisch zu beleuchten. Unter Rückgriff auf Autoren wie Theodor W. Adorno, Michel Foucault, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe wird kritisch zu hinterfragen versucht, was für eine Art Wissen die Analytische Soziologie hervorbringt und wie die Beziehung zwischen diesem und gesellschaftlicher oder politischer Macht zu verstehen ist. Wenngleich dies ein relevantes und tatsächlich kritisches Thema ist, verbleibt dieser Beitrag an der Oberfläche und begnügt sich stellenweise mit dem Einnehmen vermeintlich pointierter rhetorischer posen, die jedoch ohne kognitiven Ertrag sind.

Gunn Elisabeth Birkelunds Beitrag eröffnet den Themenblock Handlungstheorie. Bir-kelund argumentiert gegenüber der DBO-Theorie, dass Präferenzen analytisch wichtiger seien als Bedürfnisse. Individuen ermittelten zuerst, was mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden könne (Möglichkeitsbereich), und träfen erst dann auf Grundlage ihrer Präferenzen eine Handlungswahl. Neben einigen Ausführungen zur Präferenzbildung diskutiert sie, was ein „gutes" soziologisches Handlungsmodell auszeichne, und behandelt dabei die Faktoren Zeit und Raum, strukturelle Positionen, soziale Netzwerke, und die Verschränkung von Akteuren und Strukturen.

Ähnlich, bloß in theoretisch komplexerer Argumentation, betont Andrea Maurer die Bedeutung von Präferenzen und kritisiert die Vernachlässigung von Präferenzbildungsprozessen in Hedströms Ansatz. Die DBO-Theorie sei deduktiv schwach, trage aber die gesamte „theoretische Last" (S. 173); auch bliebe die Rekonstruktion von Mechanismen

theoretisch beliebig. Hedström folge zwar den Grundprinzipien der analytischen Theoriebildung in der Tradition der rationalen Sozialtheorie, stelle aber keinen expliziten Bezug zu deren Prämisse des vernunftfähigen Menschen her. „Dies bedeutet in der Konsequenz, dass er kein integratives Erklärungsprogramm anstreben kann und will..." (S. 189).

Andreas Diekmanns Beitrag nimmt zum Ausgangspunkt, dass es zwischen dem Heds-trömschen Ansatz und Ansätzen der RC-Theorie mehr Überschneidungen und Ähnlichkeiten als Gegensätze gebe. An beiden kritisiert er, dass sie Modelle der Spieltheorie vernachlässigen, insbesondere Ansätze und Ergebnisse evolutionärer Prozesse, in denen Lernprozesse und deren Auswirkungen auf die Präferenzbildung eingehend thematisiert werden würden. Aus seiner Sicht ist die DBO-Theorie keine Theorie, sondern bestenfalls Prototheorie, denn sie sei nicht falsifizierbar.

Der dritte Themenblock Methodologie wird durch einen Beitrag von Peter Abell eröffnet. Abells Thema ist die theoretische Fundierung von Kausalitätsbehauptungen bei Untersuchungen mit geringer Fallzahl (oder im Extremfall bei singulären Ereignissen). Er schlägt dazu die Methode der Bayess'chen Narrative vor. Diese Narrative beruhe auf den Angaben involvierter Akteure, eine vorhergehende Handlung eines anderen Akteurs habe sie dazu gebracht, das zu tun, was sie getan hätten. Bayes'sche Narrative könnten auch im Rahmen von mechanismischen Erklärungen Modelle zum Einsatz kommen.

Das zentrale Argument des nachfolgenden Beitrags von Per Arne Tufte ist, dass Analytische Soziologie nicht a priori auf quantitative Forschungsmethoden beschränkt sei, sondern dass man sehr wohl auch qualitativ analytisch arbeiten könne. Er schlägt vor, Methoden aus beiden Lagern zu kombinieren, und demonstriert die wechselseitige Befruchtung unter Verweis auf ein eigenes, am mechanism approach orientiertes Forschungsprojekt.

Der Beitrag von Riccardo Boero und Flaminio Squazzoni bezieht sich vor allem auf die Verknüpfung von Analytischer Soziologie und Sozialsimulation. Die Autoren argumentieren, dass für das Programm der Analytischen Soziologie die agentenbasierte Modellierung der „geradlinigste Weg" (S. 249) sei. Die Autoren betonen überdies die Bedeutung empirischer Daten für beide Forschungsrichtungen. Diese liege nicht nur in einer ex-ante-Parameter-Kalibrierung oder einer ex-post-Ergebnis-Kalibrierung. Vielmehr sollen empirische Spezifizierungen mechanismenbasierter Erklärungen deren gesamte Kausalkette sowie die „Mikro-unterbauten (d. h. sowohl quantitative als auch qualitative Parameter) des Modells" (S. 259) offen legen.

Der Einschätzung, agentenbasierte Modellierungen seien die beste Methode für die Umsetzung der theoretischen Ansprüche der Analytischen Soziologie, schließt sich auch Gianluca Manzo an. Sein Beitrag beschreibt die Modellierung des Konzepts relativer Deprivation und die Ergebnisse einer auf dieser Grundlage durchgeführten Simulation. Er macht dadurch deutlich, welche forschungslogischen und -praktischen Schritte eine derartige Simulation umfasst.

Auch wenn die Kenntnis der Hedström'schen Originaltexte eine Voraussetzung für die Nachvollziehbarkeit der hier versammelten Beiträge bildet, wird der Band dem Anspruch, eine kritische Diskussion der Hedström'schen Position zu ermöglichen, jedenfalls gerecht. Die theoretische Klarheit der Beiträge variiert, aber die kritischen Punkte des Hedström'schen Ansatzes sind nach der Lektüre klar: die Tragfähigkeit der DBO-Theorie ist gering; die Ausbildung von DBO-Strukturen (oder Präferenzen) wird ver-

nachlässigt; der Erklärungsanspruchs ist wissenschaftstheoretisch kritikwürdig. Positiv ist weiters zu vermerken, dass offensichtlich alle Texte Originalbeiträge sind; jedenfalls gibt es keine anderslautenden Angaben.

Zu bemängeln ist, dass sich bis auf wenige Ausnahmen (v. a. Manzo) die Kritik an der Analytischen Soziologie in vorwiegend theoretischen Auseinandersetzungen vollzieht. Auf empirische Untersuchungen und die dort gewonnenen Einsichten wird nur wenig Bezug genommen. Bedauernswert ist auch, dass vor allem die Übersetzungen wie auch die Einleitung der Herausgeber sprachlich und formal mangelhaft sind. Von den neun Quellen, die beispielsweise auf der ersten Seite der Einleitung (S. 7) genannt werden, kann man nur drei (!) im Literaturverzeichnis wieder finden. Und wenn man in den übersetzten Beiträgen beispielsweise liest, dass sich an einer „Abteilung für Soziologie und Humane Geographie" (S. 225; Hervorh. von mir, ChD) eine fachlich relevanter Diskussionskreis gebildet habe, oder dass wir Menschen, „[u]m im Alltagsleben zu funktionieren, ... durch Erziehung und vielleicht auch genetisch als Staatsbürger programmiert [sind], um nur einige Aspekte der komplexen Realität. zu selegieren und uns nur mit diesen zu befassen" (S. 154 f; Hervorh. von mir, ChD), wünscht man sich nichts sehnlicher als ein kompetentes und sprachsicheres Lektorat - ein Wunsch im Übrigen, der auch die Lektüre der deutschen Fassung von Hedströms Dissecting the Social begleitet hat.

Giesen, Bernhard: Zwischenlagen. Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit. Göttingen: Velbrück Wissenschaft 2010. 351 Seiten. ISBN: 978-3-938-80893-1. Preis: € 20,-.

Dmitri Zakharine

Mit umfangreichem Beweismaterial arbeitet der Konstanzer Soziologe Bernhard Giesen die Thesen aus, deren Entwicklung die kultursoziologische Theorie der letzten zwanzig Jahre sporadisch gewagt, sich immer gewünscht, jedoch bisher nicht getraut hat.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Buches wird greifbar, wenn man sie in der zeitgenössischen Polemik der interdisziplinär ausgerichteten Kulturwissenschaften mit kanonischen Theorien des Sozialen verortet. Mit überlegten Argumenten verzichtet der Autor auf die Suche nach Wegen der Reproduktion sozialer Ordnung, mithin auf die zentralen Gegenstände, die den Sinn und Zweck soziologischer Theoriebildung seit der Institutionalisierung des Faches Ende des 19. Jh. ausmachten. Stillschweigend einigten sich die wichtigsten soziologischen Theorieprojekte des 20. Jh. von Max Weber bis Talcott Parsons und Niklas Luhmann, die heute dem Korpus der soziologischen Klassik angehören, über die Vorstellung von Gesellschaft als System, deren Statik und Dynamik es mithilfe von binären systemischen Unterscheidungen zu analysieren gilt. Während Integrations-zustände in diesen Projekten zu Regeln zählten, wurden Kriege, Konflikte und Katastrophen (sprich das Außerordentliche) vielmehr unter die Ausnahmezustände subsumiert.

Mit programmatischer Aussageabsicht macht das Buch von Bernhard Giesen nicht die Konflikte und Katastrophen, sondern soziale Zwischenlagen zum Gegenstand der Untersuchung. Dabei geht das Buch auf eine kritische Distanz vor allem zu solchen Theorieangeboten, die wie Strukturalismus und Systemtheorie in der starken Epistemologie

der Unterscheidung konvergieren. Außerhalb der Unterscheidung gäbe es für die beiden „keine wahrnehmbare, erfahrbare und beobachtbare Welt" (S. 16). Egal ob man die Welt mithilfe einer räumlichen Unterscheidung zwischen Innen und Außen, einer zeitlichen Unterscheidung zwischen Vorher und Nachher oder einer axialen Unterscheidung zwischen werthaltig und abfallartig zu ordnen versucht, überall wird der Beobachter mit Ambivalenz und Indifferenz konfrontiert, die als Kehrseiten der Eindeutigkeit und Differenz zum Tragen kommen: „Der Nomade, der Fremde, der Bote, der Dolmetscher, (...) der Parasit" widersetzen sich „der eindeutigen Kodierung nach Innen und Außen" (S. 39). Dort wo keine Katastrophe und kein Skandal die Beständigkeit von etablierten Werthierarchien infrage stellen, verfällt die axiale Ordnung im Laufe der Zeit. „Der Alltag verbraucht das charisma" des Führers, „das Außerordentliche verwandelt sich allmählich in das Gewohnte" (S. 78).

Neben Strukturalismus und Systemtheorie werden in dem Buch auch theoretische Gegenprojekte einer kritischen Reflexion unterzogen. Bei Letzteren handelt es sich insbesondere um Erfahrungen der postmodernen Gesellschaftsphilosophie von Michel Serres (1987), Gilles Deleuze (2000), Georges Bataille (2008) etc., die sich in der Nachkriegszeit um die Reformierung des soziologischen Begriffskanons bemüht haben. Die Vorstellungen von Falte, Mitte, Schnitt, Abgrund, Abjectum etc. wurden von diesen Autoren für die Erfassung der Brüchigkeit der sozialen Wirklichkeit instrumentalisiert und pointiert auf die Entwertung des Begriffs System ausgerichtet. Die Behauptung des Prinzips tertium datur innerhalb der soziologischen Theorie vollzog sich bisher vor dem Hintergrund einer radikalen Schrumpfung von präzisen Dichotomien auf Kosten einer semantischen Ausdehnung von unterbestimmten und in ihrem Bedeutungsgehalt immer abstrakter werdenden Begriffen, wie Subtext, Medium, third space oder die Figur des Dritten (Koschorke 2002; Eßlinger et al. 2010), deren epistemologische Leistung vor allem darin bestand, die Möglichkeit von sozialen Zwischenlagen anhand des Modells des Dreiecks mit einem frei beweglichen oder semantisch unterbestimmten Eckpunkt zu begründen.

Will man diese Möglichkeit nicht nur theoretisch begründen, sondern auch empirisch erfassen, so ist man erneut mit der Frage nach angemessenen Analyseverfahren konfrontiert. Mit welchen Instrumentarien sollen Keime des Unsystemischen innerhalb von variablen sozialen Systemen der Spätmoderne beobachtet, klassifiziert und typologisiert werden? Dies ist die zentrale Frage des Buches, für deren Beantwortung das analytische Potenzial der Figur des Dritten vermutlich nicht ausreichen würde. Erwartungsgemäß beinhaltet das theoretische Konzept von Zwischenlagen eine vierte Beobachtungsebene, die spätestens bei Goethe (Faust II) als notwendiges und immer stark vermisstes Element der Erkenntnistheorie thematisiert wird („Drei haben wir mitgenommen//Der vierte wollte nicht kommen//Er sagte er sei der Rechte//Der für sie alle dächte"). Konkret geht es dem Autor darum, das Änderungspotenzial eines unstabilen Systems aufgrund der vergleichenden Analyse von drei vorhandenen Handlungs- und Beobachtungsperspektiven, wie die Perspektive von Ego, die Perspektive von Alter und die Perspektive der Gemeinschaft, zu erfassen. Das vierte Element, welches im Buch die Erkenntnis generiert und modelliert, fokussiert auf das Neue, „das Ereignishafte und Überraschende" (S. 298), welches das System immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt oder zu bringen droht. Das vierte Element ist der Standpunkt, von dem aus es die Prozesshaftigkeit des sozialen Geschehens zu beobachten gilt.

Erst aus der Außenperspektive, so die zentrale These des Buches, würden solche Widersprüche auffallen, die aus der Perspektive „des selbstbewussten Trägers einer IchIdentität" als unsichtbar oder irrelevant erscheinen. Das eigene Verhalten, dem das Ich die Kontinuität im Zeitverlauf unterstellt („Man ist gleichzeitig liebevoller Familienvater und SS-Mann in Auschwitz"), wird von außen leicht als unerträglicher Widerspruch, als Skandal oder gar als Verbrechen gesehen (S. 170). Die doppelte Kontingenz der Ich- und Fremdbeobachtung hätte im Rahmen der Systemtheorie eine Lösung in Form der Aneinanderreihung von Kommunikationen und Anschlusskommunikationen finden können. Diese Option schließt das Buch zwar nicht aus, legt jedoch den Akzent auf andere Verhaltensmodi, wie die Abschottung des Handelns von fremder Beobachtung. In der Konservierung der Latenz liegen Zwischenlagen begründet, die zwar dem Zweck der Integration dienen, dabei allerdings immer unstabil bleiben: „Solange niemand zuschaut und Anstoß nimmt, kann man morgens Amtsrichter und abends Besucher eines Swingerclubs sein" (S. 172).

Dass es dem Autor in seinem Buch nicht um eine Art Doxographie, sprich nicht um die Theorie pur geht, demonstriert eine Reihe von fein ausgewählten empirischen Beispielen, die den qualitativen Interviews mit Trägern von hybriden Identitäten (Deutsch-Türken) entstammen (S. 180). Bei der Behandlung solcher Themen, wie Kopftuchmädchen, die zuletzt im Zusammenhang der Sarrazin-Debatte ins Visier der Öffentlichkeit geraten sind, kommt das Buch zu überraschenden Schlüssen. Aufgrund der vergleichenden Analyse von internen und externen Beobachtungsperspektiven stellt der Autor fest, dass die Opferperspektive auf die Deutsch-Türken sich nicht im Selbstverständnis von Berliner Jugendlichen deutsch-türkischer Abstammung findet. Vielmehr geht es bei Deutsch-Türken um eine Gemeinschaft, „die sich den Deutschen überlegen fühlt". In der Wahrnehmung der Befragten wird die geläufige Richtung des Assimilationsprozesses umgekehrt: „Nicht die türkischen Jungendlichen passen sich ihrer Aufnahmegesellschaft an, sondern die deutschen Jugendlichen übernehmen eine türkische Migrantenkultur" (S. 183). Die traditionelle Soziologie verfehlt laut Bernhard Giesen ihr Ziel, wenn sie notorisch von Konstrukten der externen Beobachtung Gebrauch macht, um beispielsweise Gewaltausbrüche von Deutsch-Türken als verständlichen Widerstand der Opfer gegen das System zu begründen.

Über die Täter-Opfer-Figuren hinaus drängen sich viele andere Szenarios, die in soziologischen Main-Stream-Theorien bisher untertheoretisiert worden sind, an die Oberfläche der Analyse. Hierzu zählen mindestens siebzehn weitere Kontexte von sozialen Zwischenlagen, in denen die gegengerichteten Perspektiven von Touristen und Einheimischen, von Verführern und Verführten, von Lachenden und Ausgelachten etc. den etablierten Kommunikationsrahmen gefährden (S. 89).

Mit seinen feinen Analysemodellen, präzise gewählten Beispielen und mit seiner gewandten, leserfreundlichen Rhetorik wirft das Buch ein positives Licht auf das Konstanzer Excellenzcluster „Kulturelle Grundlagen der Integration", in dessen Rahmen es entstanden ist. Im Hinblick auf ihr anspruchsvolles theoretisches Raster, welches die Leistungen von phänomenologischen und soziologischen, strukturalistischen und post-strukturalistischen Ansätzen kreativ umsetzt, bleibt die Monographie unverzichtbar für die Grundlegung der Kultursoziologie und interdisziplinären Kulturwissenschaft.

Architektursoziologie

Delitz, Heike: Architektursoziologie. Reihe Einsichten. Themen der Soziologie. Bielefeld: transcript 2009. 144 Seiten. ISBN: 978-3-8376-1031-4. Preis: € 11,50.

Laura Kajetzke

Von der Aufmachung sollte man sich nicht täuschen lassen: Bei dem vorliegenden schmalen Buch von Heike Delitz handelt es sich nicht um eine Einführung. Zugegeben, auf den ersten Blick ist alles zu finden, was wir uns von einem kompakten Überblickstext versprechen: Ein schlüssiger Aufbau sowie ein eingängiger Sprachstil, der dazu beiträgt, die Komplexität der Thematik auf ein verdauliches Maß zu reduzieren. Doch hat dieses Buch weitaus mehr zu bieten als eine „tour de force" (54) durch das Feld der Architektursoziologie. Die subtil wirkende Kraft des Textes erschließt sich erst im Verlauf der Lektüre, die uns am Ende mit der Frage zurücklässt, wie die Allgemeine Soziologie ohne den kritischen Impetus einer Architektursoziologie auskommen konnte, die es in der Form, wie sie uns die Verfasserin nahelegt, noch durchzuführen gilt.

Im ersten der sechs Kapitel eruiert die Autorin, aus welchen Gründen ausgerechnet die Architektur und die Materialität der Dinge in den soziologischen Theorien vernachlässigt werden, um im zweiten Kapitel zeigen zu können, dass eine im wesentlichen implizite Architektursoziologie bei den Klassikern des soziologischen Denkens durchaus zu finden ist. Im dritten Kapitel werden gegenwärtige Ansätze zur Architektursoziologie diskutiert. Herzstück des Bandes bildet das vierte Kapitel, da hier die Bedeutung der Architektursoziologie für die soziologische Theoriebildung verdeutlicht wird. Anhand dreier empirischer Beispiele veranschaulicht die Autorin im fünften Kapitel, wie eine theoriegeleitete Architektursoziologie konkret am Gegenstand forscht. Abschließend wird im sechsten Kapitel ausgelotet, welche Folgen eine theoretisch durchdachte und empirisch arbeitende Architektursoziologie für die Architektur als planende Praxis und für die Soziologie als Ort der Gesellschaftstheorie haben kann.

Am Anfang der Überlegungen steht ein historischer Rückblick auf die wechselseitige Ignoranz von Architektur und Soziologie, die sich gegenseitig nicht zuletzt aufgrund ihrer Gemeinsamkeit, das Soziale formen und ordnen zu wollen, als Konkurrenzunternehmungen wahrgenommen haben. Den Architekten des 20. Jahrhunderts attestiert die Verfasserin den hehren Anspruch, sich als Baumeister des Sozialen zu verstehen. Auch die vergleichsweise junge Wissenschaft der Soziologie widmet sich mit Alleinerklärungsan-spruch „dem Sozialen", doch weist sie dabei eine erstaunliche Blindheit für das Materielle oder das Gebaute auf, als sei es nur eine Kulisse für Interaktionen und Kommunikation; eine Ansicht, die sich bis in die Gegenwart hinein hartnäckig hält, auch wenn sich die Gegenstimmen mehren. Gerade jene Soziologien, bei denen eine Auseinandersetzung mit der Artefaktwelt der Architektur erwartbar wäre, Techniksoziologie, Stadtsoziologie, Kultursoziologie, haben diesen Bereich nahezu vollständig ausgeklammert. Dem von der Soziologie unterbelichteten Gegenstand der Architektur widmet sich die Autorin in einer ersten Annäherung in Form einer Definition. Joachim Fischer folgend wird Architektur in einem sehr weiten Sinne als „Baukörpergrenzziehung" (S. 20) bestimmt oder auch als „Ausbildung eines Gehäuses für die verschiedensten Aktivitäten" (ebd.) und damit

der Schaffung eines Innen und Außen. Eine Architektursoziologie nimmt in diesem Verständnis das Gebaute, den Prozess des Entwerfens und Visualisierens, das Un-, Um- und Abgebaute, die Schöpfer und die Bewohner in den Blick.

Vor dem Hintergrund einer derart formalen Bestimmung von Architektur mag es nicht verwundern, dass die Verfasserin mehr Architektursoziologie in den Klassikern findet als von diesen intendiert. Ein großes Verdienst dieses Buches ist die gründliche und verständliche Destillation dieser architektursoziologischen Elemente. Von der Vielzahl der dann herbeizitierten Soziologen seien nur einige zentrale Ideengeber genannt: Simmel, Kra-cauer und Elias für den deutschsprachigen Raum, Mauss, Tarde und Foucault für Frankreich, die Chicago School, Giddens und Sennett für angloamerikanische Beiträge. In einer dichten Zusammenschau wird überzeugend dargelegt, wie bedeutsam die Architektur als Mittlerin und Agentin des Sozialen immer gewesen ist, ob nun Kracauer die handlungsbeeinflussende Architektur von Arbeitsämtern und ihre Exklusionsmechanismen beschreibt oder Foucault eine plausible Schilderung anbietet, wie panoptische Machtarchitekturen zur Genese des modernen Subjekts beitragen. Positiv hervorzuheben ist die exzeptionell zu nennende Fähigkeit der Autorin, in nur wenigen Sätzen die Umrisse eines theoretischen Ansatzes verständlich zu machen und die architektursoziologische Komponente freizulegen. Stets findet sich auch ein Hinweis auf etwaige Leerstellen, so z. B. die vernachlässigte ästhetisch-expressive Dimension in Giddens' impliziter Architektursoziologie. Es ist wohl der Fülle der behandelten Theoretiker geschuldet, wenn einige Ausführungen so knapp geraten sind, dass sie mehr Fragen aufwerfen als beantworten und die Vermutung nahelegen, dass beispielsweise Veblen, Parsons und Riesman nur aus Gründen der Vollständigkeit genannt werden.

Daran anknüpfend werden neuere explizit architektursoziologische Ansätze vorgestellt. Es handelt sich häufig um Kombinationen der zuvor dargelegten impliziten architektursoziologischen Theoreme, so auch Joachim Fischers Versuch, den Kommunikationsbegriff Luhmanns mit Rekurs auf Plessners Körpersoziologie um das „schwere" Medium Architektur zu ergänzen. Karl-Siegbert Rehberg hingegen versteht Architekturen mit Bezug auf Gehlen und Cassirer als „Raumsymbole" (64), an denen sich institutionalisierte soziale Beziehungen ablesen lassen. Für den französischsprachigen Raum stehen u. a. Theoretiker wie Marc Auge, Michel de Certeau sowie die vieldiskutierte Aktor-Netzwerk-Theorie Pate. Mit diesen Ansätzen kommen die Subversionen gebauter Ordnungen in den Blick, ferner auch die Bedeutung der neuen Medien und die affektauslösende Kraft architektonischer Artefakte. Im angloamerikanischen Raum findet dagegen vor allem eine enge Verzahnung von Raum-, Stadt- und Architektursoziologie statt. Dort kreist die Forschung um das Konzept der Global Cities und um die Wirkungen postmoderner Architektur.

Diese lesenwerte Reise durch die Vielfalt der architektursoziologischen Theorienlandschaft entfaltet eine überraschende Sprengkraft, weil sie uns erlaubt, einen Seitenblick auf grundsätzliche Probleme allgemeiner soziologischer Theoriebildung zu werfen: Diese betreffen Artefakte, Affekte und Materialität. Artefakten wurde in der Soziologie bisher meist eine passive Rolle zugewiesen, gerade an der Architektur kann jedoch verdeutlicht werden, dass sie Soziales und Individuen aktiv beeinflussen. Ferner wirkt Architektur vergesellschaftend, wenn sie bestimmte Affekte hervorruft, langfristig diese sogar institutionalisiert. Auch bewegt sich Architektur in einem Spannungsfeld von Bewahrung, im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses, und Schöpfung. Die „Kreativität des Handelns"

(Hans Joas) muss demnach ebenso für den Akt des Entwerfens von Architekturen und die Rückwirkung auf gesellschaftliche Prozesse genauer verstanden werden als dies bisher der Fall war. Symbolizität und Materialität schließlich seien untrennbar verwoben, gerade die Architektur liefere dafür Belege. Sie sei nicht bloße Semantik oder Text, sondern besitze eine „„stoffliche' Eigenlogik" (S. 85), die es anzuerkennen gelte.

Fallstudien, die eine Architektursoziologie in Aktion veranschaulichen, leitet die Verfasserin mit der Darstellung der von ihr eingenommenen Theorieperspektive ein. Aus dieser dichten Zusammenschau vorrangig französischer Denker ergibt sich ein histori-sierter, kontingenzsensitiver, differenztheoretischer und „nicht-cartesianischer" (S. 90) Zugang zum empirischen Material. Zunächst wird sich der vormodernen Architektur der antiken Polis und deren sichtbare Trennung in einen politischen und einen privaten Lebensbereich zugewandt. Die Architektur des Öffentlichen ist dabei affektiver gestaltet als die schmucklosen Privatgebäude: „Die Agora braucht eine Verausgabungsarchitektur..." (S. 98). Ganz andere Kriterien spielen bei der nichtmodernen Architektur der Tuareg eine Rolle. Eine Gesellschaft, die sich über Mobilität definiert, weist eine sozial effektive, „fließende" Zeltarchitektur auf. Für die gegenwärtig omnipräsente postmoderne Architektur funktional differenzierter Gesellschaften wird sorgfältig nachgezeichnet, mit welchen gesellschaftlichen Entwicklungen und Leitbildern diese Art von Architektur einhergeht und welche Form von Gesellschaftskritik mit ihr verbunden werden kann. Es wird aber ebenso hinterfragt, inwiefern postmoderne Industriearchitektur das Bild des „Arbeitskraftunternehmers" (Voß und Pongratz) oder des „kreativen Subjekts" (Reckwitz) als Identitätsangebot baulich umsetzt, hier also „architektonische Sozialtechnik" (S. 109) par excellence betrieben wird.

Was folgt aus den Ausführungen für die Praxis der Architektur und die Theorie der Gesellschaftswissenschaften? Die hier angestrebte Architektursoziologie bietet „Chancen für die Gesellschaftstheorie" (S. 120), indem das Gebaute in ihren Perspektiven künftig nicht mehr ignoriert, sondern theoretisch mitgedacht wird. Ferner bietet sie der Raum- und Stadtsoziologie neue Perspektiven an. Für die architektonische Praxis solle die Architektursoziologie nicht als kritischer Zeigefinger im Sinne eines „So nicht!" auftreten, sondern sich vielmehr als „soziologische Aufklärung" begreifen, die alle Beteiligten und ihre Sinnsetzungen beobachtet, um für ein besseres Verständnis des eigenen Handelns zu sorgen.

Heike Delitz hat mit diesem Band eine anspruchsvolle, aber zugleich anschauliche systematische Erschließung der terra incognita Architektursoziologie geleistet. Über den bisherigen Stand der Forschung, wie er vor allem von Bernhard Schäfers unverzichtbaren Lehrbuch zur Architektursoziologie (EA 2003) repräsentiert wird, geht sie durch ihren multitheoretischen Zugriff und ihren gesellschaftstheoretischen Anspruch weit hinaus. Hinter dem unprätentiösen roten Einband versteckt sich ein lesenswertes Manifest der Architektursoziologie, dessen Lektüre die Sicht auf die Soziologie als Ganzes zu ändern vermag.

Stadtsoziologie

Löw, Martina: Soziologie der Städte. Berlin: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2010. 289 Seiten. ISBN: 978-3-518-29576-2. Preis: € 12,-.

Bernhard Schäfers

Martina Löw, Professorin für Soziologie an der TH Darmstadt, versucht seit einigen Jahren, den Begriff „Eigenlogik der Städte" als neuen Ansatz der Stadtsoziologie durchzusetzen. Der im Jahr 2008 zusammen mit Helmuth Berking herausgegebene Band unter diesem Titel und das vorliegende Werk (das ebenfalls 2008, in einer anderen Ausgabe und noch im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen war) sollen den Weg zum Forschungsprogramm skizzieren.

Der Einleitung (S. 9-23) folgen die Kapitel: Städte als sozialwissenschaftlicher Gegenstand (S. 24-64); Eigenlogiken der Städte (S. 65-115); Globalisierung, Städtekonkurrenz und Eigenlogik (S. 116-139); Stadtbilder (S. 140-186); Berlin und München - Sex und Liebe (S. 187-230); Ausblick: Typologien und Transformationen (S. 231-242).

Mit Eigenlogik „sind die verborgenen Strukturen der Städte als vor Ort eingespielte, zumeist stillschweigend wirksame Prozesse der Sinnkonstitution gemeint" (S. 19). Das Buch soll die These begründen, „dass sich Entwicklungen von Städten nur dann effektiv beeinflussen lassen, wenn die ,Eigenlogik' einer Stadt verstanden wird" (S. 18). Auf dieser Basis könnten vergleichende Stadtforschungsprojekte „zur systematischen Integration lokaler Differenzen und Potenziale in politische Strategien" anregen". Es gehe darum, „wie das, was ,Charakter', ,Habitus' ,Eigenlogik', ,lokale Gefühlsstruktur' etc. genannt wird, konzeptionell gefasst werden kann" (S. 20).

Das erste Kapitel gibt einen Überblick über „Städte als sozialwissenschaftlicher Gegenstand". Hier werden sowohl die Forschungsrichtungen genannt, die Unterschiede zwischen den Städten hervorheben, wie die Stadtethnologie, die Stadtgeographie, die Lokale Politikforschung, die Stadtgeschichte und Städte-Vergleichsstudien, als auch jene, wie die „dominant strukturtheoretisch" vorgehende Stadtsoziologie, die nach Ansicht der Autorin Unterschiede eher zudecken. Diese werden erst sichtbar, wenn stadttypische Besonderheiten, eben ihre Eigenlogiken, namhaft gemacht werden.

Dazu ist ein Blick „auf die Struktur zu richten, die in der Eigenlogik steckt" (S. 65). Das ist die Aufgabe von Kapitel II. Wenn nun von „Logik des Nationalstaats", von „verschiedenen Strukturlogiken von Städten", „räumlichen Ausschlusslogiken" und sonstigen Logiken die Rede ist, wird einem vor lauter Logik fast schwindlig. Wer die Diskussionen um die „Logik des Kapitals" usw. aus der Studentenrevolte und der sie begleitenden Theorie in Erinnerung hat, rät zur Vorsicht bei diesem überstrapazierten Begriff. Da er obendrein „nicht im Sinne einer rationalen Gesetzmäßigkeit" gebraucht wird, sondern „praxeologisch", um verborgene, „Sinn konstituierende Strukturen" (Doxa) zu entschlüsseln, ist seine Anwendung nur pragmatischer Natur. Hier wie an vielen anderen Stellen des Werkes wird eine systematische und die eigene Sache weiterführende Auseinandersetzung mit relevanten Theorie-Traditionen, z. B. der Ethnomethodologie, vermisst.

Die Eigenlogik einer Stadt ist letztlich grenzenlos; das zeigen die vielen Aufzählungen dessen, was unter diesen Begriff subsumiert wird und was alles untersucht werden

könnte. So hastet das Kapitel von einem Beleg aus der Stadtforschung zum nächsten, mit viel name dropping. Es finden sich gleichwohl interessante Anregungen, z. B. im Hinblick auf die Übertragbarkeit des Bourdieu'schen Habituskonzepts aus der Individual-sphäre auf stadtbezogene Verhaltensmuster.

Die Eigenlogik der Städte hervorzuheben sei umso wichtiger, weil Prozesse der Homogenisierung im Erscheinungsbild der Städte und bauliche Auswirkungen der sich globalisierenden Welt die städtische Identität überlagern (Kap. III). Der Homogenisierung sei durch Heterogenisierung zu begegnen (S. 122 ff.). Dazu soll die aufzudeckende Eigenlogik ihren Beitrag leisten.

In der Stadt- und Regionalforschung wird dies seit Jahrzehnten thematisiert. Vorliegende Erkenntnisse werden nicht dadurch profunder, dass sie unter die Catch-allKategorie der Eigenlogik subsumiert werden. Seit den 1960er Jahren lassen Städte ihre Zukunfts- und Marktchancen professionell erforschen und haben nach und nach eigene Marketing-Abteilungen aufgebaut. Darüber erfährt man einiges, aber auch hier nicht in jener systematischen Aufbereitung, die eine neue Forschungslogik begründen könnte. Bereits im zweiten Kapitel war ausführlicher über Marketing-Strategien und das Branding als „Durchsetzung einiger dominanter Lesarten einer Stadt" (S. 84) die Rede, ebenso von spektakulären Bauwerken, die hierzu beitragen.

Den Stadtbildern ist explizit das vierte Kapitel gewidmet. Seit Kevin Lynchs Klassiker, Das Bild der Stadt (amerik. 1960, nicht, wie angegeben, 1965; das ist für die deutsche Ausgabe richtig), ist das ein unverzichtbares Thema bei allen Untersuchungen zum Stadtimage und Branding. Zur Wahrnehmung von Stadtbildern und Bauten, die Einprägsamkeit von Orten und Städten zu erhöhen wie auch über den Stellenwert von Rekonstruktionen und Denkmalpflege wird viel Wissenswertes zusammen getragen und mit der städtischen Eigenlogik in Beziehung gebracht.

Die Überschrift zu Kapitel V, „München und Berlin - Sex und Liebe" verwundert im Hinblick auf Thema und Anspruch des Bandes. Die ausführlich diskutierten Werbekampagnen der Stadt Berlin für ein sex-freundliches Image, in der, wie zu erwarten, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit seinem breit kommentierten Spruch: „Wir sind Berlin - arm, aber sexy", eine Hauptrolle zugewiesen bekommt, sind eine zu spezifische Eigenlogik, um exemplarisch sein zu können. Das gilt auch für die seitenlangen Kommentare zu den Bildern der um Pansexualisierung Berlins bemühten Frauenzeitschrift Maxi. Im München-Heft hingegen verzichtet Trendsetter Maxi „auf die Darstellung von Frauenkörpern" und hebt Ländlich-Kitschiges hervor (S. 218).

Die in vorangegangenen Kapiteln als wichtig genannten theoretischen Rahmungen zur Aufdeckung von Eigenlogiken spielen kaum eine Rolle. Der Stellenwert, den das Thema Sex und „eine lebendige Gay-Szene" in diesem als exemplarisch anzusehenden Kapitel bekommt, verengt den Ansatz. Übersehen wird auch, dass diese Phänomene szenen-, kneipen- und kiezspezifischer sind, als die Autorin wahrhaben möchte. Die Toleranz, von der die Rede ist, endet an den Grenzen vieler Kölner und auch Berliner Stadtviertel.

Auch das abschließende Kapitel über „Typologien und Transformationen" leistet nicht die erforderliche Systematik zur Strukturierung des Ansatzes. Im ersten Kapitel wurde hervorgehoben, dass Max Webers „Typologie der Städte" nicht weiterverfolgt wurde (31). Hier wäre Gelegenheit gewesen, ausgehend von einer kritischen Reflexion auf das Weber'sche Instrument der Typenbildung, Versäumtes nachzuholen.

Wenn in der Einleitung Begriffe genannt werden, die das Besondere einer Stadt hervorheben, wie „Stadtpersönlichkeit", „Charakteristik einer Stadt-, so fällt auf, dass ein wichtiger Begriff, genius loci, unerwähnt bleibt, ebenso sein Urheber für die neuere architektur- und stadttheoretische Diskussion, Christian Norberg-Schulz. Wie sich die Diskussion um Urbanität mit den Namen Edgar Salin und Hans Paul Bahrdt verbindet, so dieser Begriff mit dem Werk Genius Loci. Towards a Phenomenology of Architecture (1980). Der Begriff führte bald, wie zuvor Urbanität, ein Eigenleben, wurde aus seinem Kontext herausgelöst und nicht nur auf die ästhetischen Wirkungen und Wirkfelder von Architektur bezogen.

Die Absicht, mit der „Eigenlogik" auch das mehr Gefühlte, das Körperbetonte und Körperbewusste in den Fokus der Stadtsoziologie zu rücken, entspricht einem Trend, der in der Soziologie, mit entsprechender Medienresonanz, breit aufgenommen wird. Friedrich Engels rechtfertigte in späten Lebensjahren die Überbetonung des Ökonomischen damit, dass dieser Faktor bei der damals vorherrschenden Sicht auf gesellschaftliche Zustände unterbelichtet gewesen sei. Bei der „Eigenlogik" und ihrer umfänglichen Betonung von Gefühlswelten bleibt nun umgekehrt zu hoffen, dass die gesellschaftliche und stadtspezifische hardware nicht aus dem Blick gerät.

Abschließend sei etwas mehr Bescheidenheit über den Stellenwert des eigenen Ansatzes angemahnt, auch im Hinblick auf den hypertrophen Gebrauch des Begriffs „Eigenlogik". Fazit: Es gibt keinen Grund, die facettenreiche Stadtsoziologie, in der die Thematiken der Identität und des Image einer Stadt wie auch der Städtevergleichs keine unbedeutende Rolle spielen, durch eine „Soziologie der Städte" zu ersetzen.

Zukin, Sharon: Naked City. The Death and Life of Authentic Urban Places. New York: Oxford University Press 2010. ISBN: 978-0-195-38285-3. 294 Seiten. Preis: $ 27,95.

Jürgen Friedrichs

Der ungewöhnliche Titel des Buches leitet sich von einem gleichnamigen Schwarz-WeißFilm her, der 1948 gedreht wurde und in den Straßen von New York die Brutalität der Hochhäuser mit der Vitalität der Straßen und des Alltagslebens kontrastiert (S. ix). Das zentrale Konzept des Buches gibt jedoch der Untertitel wieder: Zukin untersucht in sechs Kapiteln (die Einleitung und die Folgerungen ausgenommen) den Wandel von Wohngebieten in New York. Das zentrale und in der Stadtforschung neue Konzept ist also, „Authentizität", was die Autorin folgendermaßen begründet: „Claiming authenticity becomes prevalent at a time when identities are unstable and people are judged by their performance rather than by their history or innate character. Under these conditions, authenticity differentiates a person, a product, or a group from its competitors; it confers an aura of moral superiority, a strategic advantage that each can use to its own benefit" (S. xii).

Für das Konzept gibt sie keine eindeutige Definition, sondern an zahlreichen Stellen des Buches immer neue Erläuterungen oder Umschreibungen, so z. B.: „Because authenticity begins as an aesthetic category, it appeals to cultural consumers" (S. 244).

„Reinventing authenticity begins with creating an image to connect an aesthetic view of origins and a social view of new beginnings. The new Harlem Renaissance connects

the upscaling of an impoverished area of the city, long stigmatized by poverty and racial segregation, to a glorious cultural legacy" (S. 234).

Wichtig ist ihr Vergleich mit Walter Benjamin, weil für sie das Authentische offenbar etwas mit dem Konzept der „Aura" bei Walter Benjamin zu tun hat (S. 221). Im Kern meint sie aber eine Rückbesinnung, ja Sehnsucht („yearning") nach den alten Wohnvierteln, den „red brick buildings", den Traditionen dieser Viertel, die Reminiszenz an die Arbeiterbevölkerung oder die Schwarzen, die das Gebiet einst prägten, und den verbliebenen physischen Zeugnissen ihrer Geschichte, wie folgendes Zitat belegt: „Yearning for authenticity reflects the separation between our experience of space and our sense of self that is so much a part of modern mentalities. Though we think authenticity refers to a neighborhood's innate qualities, it really expresses our own anxieties about how places change. The idea of authenticity is important because it connects our individual yearning to root ourselves in a singular time and place to a cosmic grasp of larger social forces" (S. 220).

Den interessantesten Teil des Buches machen die detaillierten Beschreibungen der Aufwertung von Industrie- und armen Wohngebieten zu Wohngebieten der (oberen) Mittelschicht aus. So zeigt die Autorin, wie sich Brooklyn, Harlem und East Village seit den 1960er Jahren verändert haben, d. h. schrittweise aufgewertet wurden. Der Zuzug nach Brooklyn erfolgte in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Es kamen Künstler, Musiker, Grafiker, Schriftsteller, Produzenten neuen Medien, insbesondere nach Williamsburg. 20 % der Bewohner nur weniger Nachbarschaften in Brooklyn arbeiten in kreativen Berufen (aber nur 4 % aller New Yorker). Sie waren außerdem „connected" (S. 43); dies ist meines Erachtens ein wichtiger Hinweis, auf einen in der Gentrification-Forschung bislang nicht beachteten Aspekt: den Einfluss von sozialen Netzwerken auf innerstädtische Wanderungen.

Zukin gibt sehr anschauliche Beschreibungen, gestützt auf eine umfangreiche Literatur-Recherche, ergänzt um Zeitungsberichte und eigene Beobachtungen. Leider verbleibt die Autorin auf dieser narrativen Ebene; es gibt keine einzige Tabelle mit statistische Daten über den Wandel der Bevölkerungsstruktur.

Die Entwicklung, die sie u. a. an East Village und Harlem darstellt, verläuft über vier Phasen: armes Gebiet - verlassenes Gebiet - jahrelang heruntergekommen - Investition und Aufwertung. Zukins Position zum Wandel dieser Gebiete ist differenziert. Sie zeigt, dass der Gegensatz zur Gentrification nicht keine Gentrification ist, sondern eine weitere Verarmung der Gebiete. Allerdings ist der Preis der Gentrification die Verdrängung der Armen, gleich welcher ethnischen Gruppe. Sie akzeptiert damit, dass die Alternative zur Gentrification eine „Slumification" wäre und hält die Aufwertung daher für die bessere Entwicklung, wie folgende Zitate belegen: „We also see the upscaling areas like East Village and Harlem that had become poorer, been abandoned, and lain derelict for years, reflecting a return of capital investment to the dark ghetto, from one point of view, and forced removal of the poor or ethnic succession in reverse, from another" (S. 221). Und ähnlich: „The new Harlem Renaissance connects the upscaling of an impoverished area of the city, long stigmatized by poverty and racial segregation, to a glorious cultural legacy" (S. 234).

„Places for cool cultural consumption develop an attractive image for an unlikely neighbourhood, which the sparks a commercial revival, a residential influx of people with money, and, finally, the building of new luxury apartments with extravagant rents" (S. 37).

„On these streets though, you can feel the hum of another kind of time. The Greeks called it kairos: a sense of the past that intrudes into and challenges the present. ... [Streets and buildings in Eastern Village, JF.V.] „They make you feel you're re-creating a unique story of origin, and the storefronts and tenements give material form to the comfort you take in living in an old neighbourhood with a history of artistic energy and resisting authority. You sense that in this space you could be living in any time and you could take on any of these roles: artist, poet, rebel, flaneur (S. 101).

Zukin sieht Gentrification als einen Prozess, der mit dem Widerstand der Bevölkerung gegen die Planung der 1960er Jahre vorgeht, in denen die Stadt New York mit noch größeren Schneisen durch Altbaugebiete versehen werden sollte, um für Glaspaläste der Unternehmen platz zu schaffen. Die erfolgreichen proteste der Bürger gegen diese planungen haben ein neues Selbstbewusstsein in der bürgerlichen Mittelschicht geschaffen. Ferner zeigt sie, dass dem Prozess zumindest in den New Yorker Wohngebieten, die sie beschreibt, eine Dynamik innewohnt, die von den Nachfragern, der Stadtplanung und den Investoren, aber auch den Nachfragern (wiewohl nicht antizipiert) gemeinsam getragen wird: „But along with the power of capital and the state, our own tastes have shaped a habitus of lattes, Whole Food, and designer jeans that has cultural power to displace chicken shacks and dollar stores. Our tastes for consuming the city unconsciously confirm the official rhetoric of upscale growth" (S. 243).

Der anfängliche Wandel in der Bevölkerungsstruktur und die physische Aufwertung machen die Wohngebiete zunehmend attraktiver, aber auch teurer, sodass am Ende eine Super-Gentrification steht, wie sie Lees beschrieben hat und deren Akteure die vorher eingedrungenen Gentrifier ihrerseits verdrängen. Ihren Beobachtungen zufolge ist der Prozess viel stärker durch Investoren und Unternehmen getrieben, seien es Immobilienspekulanten oder Geschäfte mit einem hochpreisigen Angebot; die Kommerzialisierung des Prozesses vollzieht sich rascher.

Man kann der Autorin vorwerfen, mit dem Konzept der „Authentizität", das sie zudem ja nicht klar definiert, bewusst eine Debatte in der Stadtforschung anstiften zu wollen. Das wäre nicht bedeutsam, wenn doch der wissenschaftliche Gehalt des Konzeptes einsichtig wäre. Was also können wir mit dem Konzept besser erklären? Diese Frage beantwortet die Verfasserin nicht; implizit aber geht es um eine neue und zusätzliche Erklärung von Gentrification.

Aber dieses strittige Argument wird dem Buch nicht gerecht. Denn in der Tat wäre empirisch zu prüfen, ob solche nostalgischen, identitäts-suchenden Motive bei den Gen-trifiern bestehen. Ist es die Kombination von physischer Attraktivität, z. B. alter Gebäude, einer „originellen" Bevölkerung und einer vielfältigen, aber weitgehend durch hohe Preise ausgewiesenen Infrastruktur, die das Erfolgsgeheimnis solcher Wohngebiete ausmacht, die noch Jahrzehnte zuvor als verloren und dann als verlassen galten?

Ihre eigene Schilderung der Veränderung, des „up-scaling", widerspricht zum Teil den Gefühlen, die mit einem Ort verbunden sind, und die ihrer Ansicht nach zu einer Suche nach „Authentizität" führen. Was sie zu wenig betont, ist, dass die nach „Authentizität" suchenden Nachfrager von den Investoren ausgenommen werden.

Aber dennoch ist dies ein aufschlussreiches und hilfreiches Buch. Es ist es deshalb, weil die Fallbeispiele des Wandels der Wohngebiete in New York sehr detailreich und anschaulich dargestellt werden, ergänzt durch Karten und Photos. Es ist sicher, dass viele

Stadtforscher das Konzept der „Authentizität" aufnehmen werden. Das ist deshalb wahrscheinlich, weil die hier beschriebene Suche nach einer Vergangenheit fraglos auch auf die Akteure des Gentrification-Prozesses in Deutschland zutrifft. Es ist die Suche nach einer verlorenen und neuen urbanen Heimat. Allerdings, die Akteure suchen etwas Neues, den Wandel, einen sozialen Fortschritt, aber haben zugleich Angst vor dem Verlust der Vergangenheit, die auch ein Verlust der eigenen Identität ist. Zukin weist auf eben diese gespaltene Haltung hin und führt den Lesern vermutlich deren eigenes Problem vor: Wo in der Stadt will ich wohnen und welche Vergangenheit soll das Viertel aufweisen?

Lapeyronnie, Didier: Ghetto urbain. Ségrégation, violence, pauvreté en France aujourd' hui. Paris: Laffont 2008. 625 Seiten. ISBN: 978-2-221-10766-9. Preis: € 21,85.

Rainer Neef

Der wohl renommierteste Jugendforscher Frankreichs, der sich seit zwanzig Jahren vor allem mit der Lage der Jugendlichen in den Banlieues (genauer: den Sozialwohnungssiedlungen, den „Cités" französischer Vorstädte) auseinander setzt, hat hier die Ergebnisse einer komplexen empirischen Untersuchung in der Cité einer mittelgroßen Stadt dargestellt - einer Cité mit einem sehr schlechten Image wegen eines hohen Gewaltniveaus, verbreiteter Arbeitslosigkeit und Armut und eines hohen Anteils von Migrantinnen. Nach dem common wisdom der Literatur gibt es in Westeuropa keine US-amerikanischen Verhältnisse vergleichbaren Ghettos, keine von der Mehrheitsgesellschaft abgekoppelten Stadtviertel. Lapeyronnie zeigt jedoch die wachsende Distanz der Lebensmöglichkeiten und Lebensweisen in solchen Cités gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, trotz der massiven Präsenz wohlfahrtsstaatlicher Versorgung und Regulierungs-Eingriffe. Dies geschieht mehr aus der Selbst-Wahrnehmung der Bewohner als aus Sozialdaten, aber auch der aktuelle Bericht des „Observatoire national des zones urbaines sensibles" (ONZUS, zuletzt 2010) bestätigt: In den 1990er Jahren wuchs der Abstand zum Durchschnitt, seitdem hat er sich nicht verringert.

Das Buch zeigt die Stärke qualitativer Methoden, wenn es darum geht, schwierige Lebensumstände ganzer Gruppen zu verstehen und ihnen zum Ausdruck zu verhelfen. Lapeyronnie gelang es, sehr nah an gemeinhin schwer erreichbare Befragte zu kommen, schwierige und tabuisierte Themen zu erörtern, die Komplexität von Verhaltensweisen zu verdeutlichen. In der Konfrontation von Leitfaden-Interviews und Gruppendiskussionen zeigt er den Unterschied zwischen Individual- und Gruppen-Verhalten, letzteres wichtig v. a. zum Verständnis der Dynamik und Normierungskraft von Jugendlichen-Gruppen. Er verbindet dies mit Beobachtungen, etwa an den Treffpunkten der verbittert-rassistischen autochthonen „kleinen Weißen". Lebensgeschichten tragen bei zur Klärung der Verlaufslogik unter schwierigen hoch segregierten Lebensbedingungen, und sie bringen einfühlsame Porträts etwa eines älteren Migrantenpaars, oder eines mittlerweile 25-jährigen Intensivtäters, oder einer Nordafrikanerin, die mit ihrer Familie gebrochen hat. Das von ihm dargestellte Material hat eine Komplexität und Prägnanz, die man sonst nur in den aus teilnehmender Beobachtung hervorgegangenen großen Quartiers-Studien der 1940er und 1950er Jahre findet - etwa bei Herbert Gans („The Urban Villagers") oder William F.

Whyte („Street Corner Society"). Vergleiche mit der US-amerikanischen Forschung über Ghettos, die doch deutlich andere Strukturen haben, verdeutlichen, wie ähnlich gleichwohl die Verhaltenslogiken sind, die aus der mit Stigma und Diskriminierung verbundenen tiefen Kluft zur Mehrheitsgesellschaft resultieren. Der Autor stellt auch schlagende Parallelen zwischen Arbeiterkultur und der Kultur der vorwiegend maghrebinischen Migrantenfamilien heraus - aber er unterstellt ohne Beleg ihre gegenseitige Beeinflussung. Seltsamerweise diskutiert er nicht die Rolle nordafrikanischer islamischer Kulturen.

Lapeyronnie behält konsequent die Perspektive der Bewohner und ihrer Lebenswelt bei. Zum Verständnis von Verhaltenslogiken und Identitäten ist dies sinnvoll; aber die strukturellen Lebensbedingungen geraten außer Betracht, Bewältigung oder Scheitern erscheinen nur als familien- oder gruppentypische Muster. Zudem erscheint so die Welt der Cités geschlossener, als sie ist: Aussteiger und Aufsteiger wurden nur erfasst, wenn sie, in der Regel gescheitert, ins Quartier zurückgekehrt sind. Einbezogen sind verschiedenste Bewohnergruppen, verstärkt erhoben wurde unter maghrebinischen Jugendlichen; hier finden sich Differenzierungen, gerade auch unter jungen Frauen, die das Stereotyp des ,Banlieue-Jugendlichen' (hoffentlich) untergraben. Dabei betritt Lapeyronnie auch Dunkelfelder, die in der politisch korrekten Diskussion über die Banlieue-Cités eher tabuisiert sind - z. B. Antisemitismus, Schwarzarbeit und Drogenhandel, kriminelle Clans.

In Teil 1 beschreibt der Autor ausführlich die Armut als zentrales Element der Ghettos; das wird in Frankreich zu selten wahrgenommen und wurde von der Politik konsequent ignoriert. Armut schlägt am stärksten durch bei den „Sozialfällen", zu denen Lapeyronnie einen erstaunlich guten Zugang gefunden hat. Er differenziert zwischen denjenigen, die noch einen Teil Selbstachtung behalten, weil sie Schwierigkeiten aktiv meistern, und den Passiven, Verbitterten, sozial Isolierten. An anderer Stelle unterscheidet er noch zwischen den vom Elend „erdrückten" („accablés") und den „assistés", deren Leben durch sozialstaatliche Angebote strukturiert wird. Die „Sozialfälle" schätzen durchaus die staatlichen Leistungen, die sie vor dem Elend bewahren. Aber sie ermöglichen nur eine „Nicht-Existenz"; im Ghetto werden sie verachtet und machen sich tunlichst unsichtbar. Die Armut frisst ihre gesamte Energie auf. Das Leben der vielen prekären und meist ebenso armen Arbeiter, immerhin die Hälfte der Erwerbsbevölkerung, wird zu knapp als ständiger Kampf um Selbstachtung, Autonomie, soziales Ansehen und ordentliche Familienverhältnisse charakterisiert. Über die nicht-armen Normal-Erwerbstätigen (ein Viertel der Erwerbsfähigen), über ihre sozialen Netze in der Cité erfährt man zu wenig. Alle Bewohner des „Ghettos" teilen das Gefühl eines Abstiegs nach unten und einer Abtrennung von der ,wirklichen' Gesellschaft, die sie stigmatisiert, aber daraus erwächst keine soziale Gemeinsamkeit, sondern eine tiefe Ambivalenz. Einerseits preisen die Befragten gegenseitige Offenheit und Solidarität zwischen Familien, andererseits äußern sie heftige Ressentiments gegen Nachbarn und ganze Bewohnergruppen. Das Ghetto fungiert als Schutzraum für viele Gescheiterte und Ausgeschlossene, in dem niemand leben will.

In Teil 2 geht es um das weitgehend fruchtlose Wechselspiel zwischen wohlfahrts- und ordnungsstaatlichen Institutionen und ihren Kunden, v. a. den Migrantenfamilien. Bour-dieus u. a. Untersuchung über „Das Elend der Welt" (1993; dt. 1997) griff hier weiter aus und zeigte, wie auch das Leben der Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten, kleinen Ladenbesitzer von der „Misere" bestimmt wurde. Die massive Präsenz des Staats als Wohlfahrtsträger und Ordnungshüter ergibt den Haupt-Unterschied zwischen französischen und

US-amerikanischen Ghettos. Das Buch bringt hier wenig Neues. Bekanntermaßen stiften Sozialarbeit und Sozialzentren Nutzen in Form von Hilfen und Aktivitätsangeboten, aber keinen Ausweg aus der Situation sozialen Ausschlusses. Lapeyronnies Methodik verdeutlicht den Zwiespalt der Jugendlichen gegenüber schulisch-beruflicher Bildung. Im Kollektiv (in Diskussionsgruppen) werfen sie den Schulen Nutzlosigkeit und erniedrigende Behandlung vor, die Ablehnung der Schule gerät zu einer Gruppennorm. Im persönlichen Gespräch werden durchaus Hoffnungen auf Vorwärtskommen durch Bildung laut, die sich bei der extremen Jugendarbeitslosigkeit aber nur für Wenige (und v. a. für junge Frauen) realisieren. Lapeyronnie betont die Realität von Unsicherheit und Kontrollverlust im Ghetto, bedingt durch verbreitete Kleinkriminalität, Zwischenfälle mit Schusswaffengebrauch, gegenseitige Aggressivität, und die Gewaltdrohung einiger krimineller Familien. Polizei und Justiz, nur aus Sicht der Befragten dargestellt, erscheinen als ineffektiv, schon allein deshalb, weil die Bewohnerschaft gegen sie Front macht und die Polizei rassistisch agiert.

Neben Armut werden von Lapeyronnie in Teil 3 Rassismus und Migranten-Sozialisation als Faktoren der Ghetto-Existenz ausführlich dargestellt. Auf innovative und bemerkenswerte Weise entwickelt der Autor den Zusammenhang beider. Allein wegen der entsprechenden sechs Kapitel sollte das Buch in jeder Bibliothek stehen. Schon der Blick auf Rassismus, d. h. die Gleichsetzung der physischen Erscheinung mit sozialen Qualitäten, ist neuartig und relevant für alle westeuropäischen Länder, weil er durch das Erlebnis der Betroffenen konkret und nachvollziehbar dargestellt wird: Als Ignoriert-Werden als Person, als Beschimpfungen in „der Stadt", und als Diskriminierung bei der Erwerbsarbeit. Lapeyronnie wirft auch einen Blick auf den in den Cités verbreiteten Antisemitismus. Er versteht ihn als Hass auf diejenigen, die sich als Außenseiter in der Gesellschaft durchsetzen können, und deren vorgebliche Macht den Migranten im Ghetto die eigene Machtlosigkeit vor Augen führt. Rassismus durchdringt nicht nur die Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft, sondern auch das Verhältnis zwischen Familien und Bewohnergruppen. Die Betroffenen verstehen ihn nicht als gesellschaftliches Problem, sondern als moralisches Defizit „der Franzosen". Den ständigen kleinen und großen Erniedrigungen können sie nur mit Rückzug in den eigenen Raum entgehen und bestätigen damit ihre Machtlosigkeit. Der Rückzug führt in Resignation oder Revolte, in die Familie oder auf die Straße, jedenfalls ins Ghetto als Ort der sozial Gescheiterten. Das Scheitern des Migrationsprojekts (50-80 % der Cité-Bewohner in Frankreich sind Migranten der ersten bis dritten Generation, davon meist zwei Drittel aus Nordafrika) führt zur Rückbesinnung auf die Herkunft, die als Identität neu konstruiert wird. Die Familien sind herkunftskonform patriarchalisch; die harten Väter mit ihrer unhinterfragbaren Autorität und die oft resignierten „schützenden Mütter" können die Töchter meist an die Familienrolle binden. Die zu Maskulinität erzogenen Söhne weichen aus auf die Straße in Peer-Groups. In dieser Polarität „Familie - Straße", in einer Moral der starken persönlichen Bindungen, des Misstrauens gegenüber den „Anderen" und des Stärke-Zeigens verharren die Beziehungen im Ghetto; nicht Zivilität, sondern Familismus beherrschen das Feld. Kein Wunder, dass die Integration in eine von sozialer Ungleichheit, unpersönlicher (Mittelschichts-) Moral und dem Erbe des Rassismus bestimmte moderne Gesellschaft meist scheitert.

Lapeyronnie erläutert in den drei ebenso innovativen Kapiteln des abschließenden Teils 4, wie Geschlechterordnung und Körperlichkeit die Identitäten, Ausdrucksmöglich-

keiten und Beziehungen migrantischer junger Männer und Frauen in den Cités polarisieren. Damit erklärt er auch das irritierendste Phänomen der französischen Cités: Das bösartige Verhalten der jungen Männer gegenüber jungen Frauen. In der paternalistischen Kultur gelten Frauen als triebhaft und insofern als gefährlich für das Ansehen der (nordafrikanischen) Migrantenfamilie, das nicht zuletzt an der Jungfräulichkeit der Töchter hängt. Im Ghetto als Ort der Erfolglosen ist Ansehen vor allem an eine vorweisbare Fassade guter Familien-Moral gebunden. Männliche Dominanz im Familien- und Vereinsleben, Maskulinität und demonstrative Stärke im Außenraum prädestinieren die jungen Männer zur Kontrolle der jungen Frauen, und diese suchen sich unsichtbar zu machen. Die tiefe Geschlechtertrennung erhält ihre Schärfe durch den Rassismus. In der „weißen" Gesellschaft sind migrantische Frauen als Arbeitskraft und als Geschlechtspartnerin recht weitgehend akzeptiert. Die migrantischen jungen Männer werden in beiderlei Hinsicht diskriminiert, und sie bestätigen das Stigma durch demonstrativ männliche „Gefährlichkeit". Den jungen Männern ist eine betont weibliche Erscheinung migrantischer junger Frauen als „Verrat" und „Französisierung" verhasst, sie bestrafen sie streng - und knüpfen gerade daran sexuelle Wünsche. Eine heuchlerische Moral und eine im Selbstbild starke Identität der jungen Männer im Ghetto bricht sich in Ablehnung und Misserfolg in der französischen Gesellschaft. Die jungen Frauen haben in der französischen Gesellschaft in Erwerbschancen und Geschlechtsbeziehungen mehr Spielraum, der ihnen im Ghetto erstickt wird. Von Anfang an in eine gebrochene weibliche Identität und ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper sozialisiert, sind sie reflektierter als die jungen Männer, besitzen bessere Bildung und deutlich mehr soziale Chancen, die aber meist aus Familienrücksichten nicht genutzt werden.

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mir die Lebensverhältnisse und Identitäten von Menschen so differenziert, lebendig und reflektiert nahegebracht hat, und das gute Erklärungen brachte für bislang schwer verständliche Phänomene: Ein nicht akzeptables Verhalten junger Männer, die Ängstlichkeit der Frauen trotz sozialer Chancen, Tendenzen zum Selbst-Einschluss im Ghetto, die Wirkungen des Alltags-Rassimus. Das verdankt sich Lapeyronnies radikal auf die Subjekte bezogenem und multiperspektivischem Forschungsansatz. Die Analyse von Strukturbedingungen kam dabei zu kurz, aber diese findet sich reichlich im Schwall sonstiger Literatur über französische Banlieue-Cités.

Migrationssoziologie

Ette, Andreas, und Leonore Sauer: Auswanderung aus Deutschland. Daten und Analysen zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. 227 Seiten. ISBN: 978-3-531-15869-3. Preis: € 24,95.

Till Kathmann

Mit der Auswanderung von Deutschen greifen Ette und Sauer ein an Bedeutung gewinnendes Thema auf, das bisher vergleichsweise wenig erforscht worden ist. In den letzten Jahren wanderten so viele Personen aus wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Bei der Analyse der deutschen Auswanderung stellt sich insbesondere

die Frage, inwiefern die gegenwärtigen Auswanderungsprozesse durch Hochqualifizierte getragen werden und deswegen von einem brain drain gesprochen werden kann.

In der Einleitung wird die Forschungsarbeit im Forschungskontext verortet. Er ergibt sich zum einen aus einer Ausdifferenzierung von Wanderungsbewegungen, da Wanderungen nicht nur zwischen weniger entwickelten und hochentwickelten Staaten stattfinden, sondern zunehmend zwischen den OECD-Staaten selbst oder innerhalb Europas. Zum anderen ist eine gestiegene Konkurrenz um hochqualifizierte Arbeitskräfte festzustellen, die einen brain drain aus hochentwickelten Staaten begünstigt. Mit der Beleuchtung von Auswanderungsprozessen von Deutschen einerseits und der Fokussierung auf die Wanderung von Hochqualifizierten andererseits wird ein Perspektivwechsel in der Migrationsforschung vollzogen, durch den eine Migrationsform in den Blick genommen wird, die in der Regel als weniger problematisch aufgefasst wird.

Das zweite Kapitel widmet sich den Theorien und Methoden zur Analyse der Auswanderung. Deutlich wird, wie innerhalb der Migrationsforschung zunächst die Analyse dauerhafter und weite Distanzen überwindende Wanderungen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses standen. Dahingegen wendet sich die neuere Migrationsforschung vermehrt temporären Wanderungen zu. Ebenso wird ein Verschwimmen der Grenze zwischen Binnen- und Außenmigration angesichts der Entstehung eines europäischen Wanderungsraums angenommen. Schließlich wird ein forschungsleitender Migrationsbegriff entwickelt, der eine Verlagerung des Wohnorts umfasst, die keine strenge zeitliche Begrenzung beinhaltet. Zudem wird festgehalten, dass es sich bei der Migration um einen selektiven Prozess handelt, da ein bestimmter Teil der Bevölkerung auswandert. Besonders deutlich wird dies an Hochqualifizierten, worunter diejenigen verstanden werden, die über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen. Fraglich bleibt jedoch, ob deren Wanderungen als brain drain oder brain circulation zu verstehen sind.

Das dritte Kapitel gibt zunächst einen Überblick über die historische Auswanderung von Deutschen. Hier lässt sich ein Wandel von der Auswanderung nach Übersee hin zu innereuropäischen Wanderungen erkennen. Anschließend wird die Auswanderung von Deutschen im Kontext der Auswanderungsprozesse aus wichtigen Industrieländern diskutiert. Dabei weisen viele Staaten eine höhere Aus- als Einwanderungsquote der eigenen Staatsbürger auf, wobei die Wanderungsverluste in der Regel in den letzten 15 Jahren noch zugenommen haben. Setzt man die Wanderungsverluste in Beziehung zur Gesamtbevölkerung, ergeben sich für Deutschland allerdings geringe Wanderungsverluste im Vergleich zu anderen europäischen Staaten. Deswegen kann eher von einer Angleichung der Wanderungsstruktur Deutschlands an andere europäische Staaten gesprochen werden, als von einem deutschen Sonderweg.

Im vierten Kapitel werden die demographischen Merkmale deutscher Auswanderer erläutert. In der Migrationsforschung wird davon ausgegangen, Wanderer seien eher männlich, jung und ledig. Dies trifft auch auf Deutsche zu. Bezogen auf die Jahre 2005-2007 sind 54 % der Auswanderer männlich, auswandernde Frauen sind durchschnittlich 30,5 Jahre, Männer 33 Jahre alt. Betrachtet man die regionale Verteilung, wandern insbesondere Westdeutsche aus und hier wiederum vor allem aus den südlichen Bundesländern, aber auch Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg verzeichnen eine hohe Auswanderungsrate. Zudem sind Grenzregionen verstärkt von Auswanderung betroffen - mit Ausnahme der neuen Bundesländer.

In den nächsten beiden Kapiteln wird eine Fokussierung auf die Wanderung von Hochqualifizierten vorgenommen. Damit einhergehend werden erstmals umfassend Fragen der Rückwanderung erörtert. Erst deren Einbeziehung kann Auskunft darüber geben, ob es zu einem Verlust an Hochqualifizierten kommt und ob dieser von Dauer ist. Unterschiedliche Studien gehen von einem Hochqualifiziertenanteil unter den Auswandernden von 20 bis 28 % aus. Damit weisen Auswanderer ein besseres Bildungsniveau auf als die Nichtmobilen. Die Auswertung von Daten des European Labour Force Survey, den Ette und Sauer vornehmen, kommt zu einem anderen Ergebnis: Hier liegt der Anteil der hochqualifizierten Migranten bei 49 %. Allerdings erhöht sich durch die Rückwanderung die Selektivität der Auswanderer nicht, weil von den Hochqualifizierten in etwa so viele auswandern wie zurückkehren. Hier ist allerdings eine Spezifizierung je nach Zielland vorzunehmen. Hinsichtlich der wichtigsten Zielländer der Deutschen, die Schweiz und USA, zeigen die Ergebnisse, dass die Wanderungen in die Schweiz wesentlich auf Hochqualifizierte zurückzuführen sind und diese zudem angestiegen sind. Hier handelt es sich demnach um einen brain drain. Für die USA hingegen lässt sich kein eindeutiger Trend ausmachen. Weiterhin ist nach Tätigkeitsbereich zu differenzieren, da Wissenschaftler eher zum temporären Auslandsaufenthalt neigen und durch ihre Rückkehr zu einem brain circulation beitragen. Führungskräfte hingegen verbleiben eher dauerhaft, weswegen bei dieser Personengruppe eher von einem brain drain auszugehen ist.

Die Frage nach der Dauerhaftigkeit der Auswanderung, die auf Grundlage von Daten der Deutschen Rentenversicherung beantwortet wird, wird im siebten Kapitel behandelt. Auffällig ist zunächst, dass Rückkehrer häufig nicht erst im Rentenalter nach Deutschland zurückkommen. D. h. sie stehen in der Regel nach ihrem Auslandsaufenthalt (teilweise besser qualifiziert) dem Arbeitsmarkt zu Verfügung, was den brain drain-Effekt mildert, ebenso wie der überwiegend temporär angelegte Auslandsaufenthalt. Zwar ist der Anteil der temporären Migranten in den letzten Jahren überraschenderweise zurückgegangen, bleibt aber mit 80-90 % sehr hoch.

Im letzten Kapitel wird das Phänomen der Wanderung von deutschen Hochqualifizierten im europäischen Kontext diskutiert. Dabei geht es um die Frage, ob Deutschland vergleichsweise stark vom einem möglichen brain drain betroffen ist und welche Länder von einem Zuzug der Hochqualifizierten profitieren. In die empirische Analyse werden allerdings nur die EU-15-Staaten mit einbezogen. Die Befunde deuten auf eine sehr geringe Auswanderungsrate Deutschlands insgesamt hin. Allerdings ist Deutschland weiterhin ein wichtiges Zielland innereuropäischer Migration, wenngleich es in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Irland und Spanien, wohlgemerkt zwei ehemalige Auswanderungsländer, hingegen können zumindest in der Zeit vor der Finanzkrise als Hauptgewinner des „Kampfes um die besten Köpfe" gelten. Damit ist Spanien nicht mehr nur Zielland von Altersmigranten. Deutschland weist im Hinblick auf die Wanderung von Hochqualifizierten einen ausgeglichenen Wanderungssaldo auf, während Länder wie Finnland, die Niederlande und Griechenland an Hochqualifizierten verlieren. Als Schlussfolgerung kann aus den herausgearbeiteten empirischen Befunden ableitet werden, dass die Befürchtungen eines massiven brain drain aus Deutschland als überzogen gelten können.

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um eine sehr lesenswerte, informative Lektüre und detaillierte Aufarbeitung des Forschungsstandes, die mit innovativen, eigenen

empirischen Befunden bereichert wird, wie beispielsweise die Analysen der Rückwanderungen zeigen. Ob die Fokussierung auf Hochqualifizierte aufgrund der unterschiedlichen Befunde zur quantitativen Bedeutung dieser Wanderungsform geeignet ist, sei jedoch dahingestellt.

Konsumsoziologie

Hellmann, Kai-Uwe: Fetische des Konsums. Studien zur Soziologie der Marke. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. 298 Seiten. ISBN: 978-3-531-16933-0. Preis: € 29,95.

Christian Wymann

In Erinnerung an eine Artikelsammlung von 1964, in der Willi Bongard klassische Marken porträtierte, trägt Kai-Uwe Hellmanns Buch ebenso den Titel „Fetische des Konsums". Hellmanns Studien basieren auf Texten, die an unterschiedlichen Orten publiziert, jedoch für das Buch verändert und erweitert wurden. Es handelt sich deshalb vielmehr um eine „Bricolage/Collage" (S. 8), als um einen Wiederabdruck. In zehn Kapiteln und einer „Zugabe" setzt sich Hellmann mit unterschiedlichen problemstellungen zum Thema der Marke und des Konsums auseinander.

Zu Beginn geht Hellmann auf die „Ausweitung der Markenzone" im Hinblick auf eine Verbreitung der Markensemantik ein. Mit Hilfe von Begriffen der Bewegungsforschung diskutiert er in einem zweiten Kapitel die Funktion von Marketing und die Marke als strukturelle Kopplung von unternehmen und Kundschaft. Danach analysiert Hellmann Werbung, für die die Marke als Eigenwert durch Wiederholung Glaubwürdigkeit erzeugt. Hierbei spielt das Geschichtenerzählen eine zentrale Rolle. Im nächsten Kapitel diskutiert Hellmann die unterscheidung zwischen produkt und Marke oder Metaprodukt hinsichtlich ihrer Bezugsprobleme und Qualitäten. Daran anschließend geht es um die Marke als Produkt. Hierbei spricht Hellmann von einer „zweiten Generation von Marken" (S. 93), bei denen nicht bloß das produkt, sondern vielmehr nur noch die Marke selbst im Zentrum steht. Jenseits von Produkten kommt es zu einer Sublimierung von Marken hin zu Transzendenz und gar einer „Metaphysik der Marken" (S. 102). Letztlich geht es um die Frage nach dem sakralen Status von Marken, wobei Hellmann diese These kritisch mit Blick auf die Religionssoziologie betrachtet. Im sechsten Kapitel widmet sich Hellmann dem Wert von Marken und unterscheidet zwischen Werten erster Ordnung, die direkt Produkte betreffen, und Werten zweiter Ordnung, die sich auf das Realisieren und Einhalten der Versprechen und Erwartungen der Produkt-Werte richten. Marken lassen sich entsprechend der Realisierung der Werte zweiter Ordnung unterscheiden, speziell dann, wenn unternehmen dieselben Werte erster Ordnung behaupten. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Hellmann auch mit der Frage der Ethik von Marken. In den zwei letzten Kapiteln zu Marken diskutiert Hellmann einerseits die Hingabe von Markenfans und andererseits Markengemeinschaften, wobei letzteres im Kontext von Kundenbindung diskutiert wird. Zur Erläuterung von Markenfans zieht Hellmann Teilergebnisse einer von ihm mit durchgeführten quantitativen Studie bei. Für die Diskussion von Mar-

kengemeinschaften greift er auf das berühmte und viel diskutierte Beispiel der Harley-Davidson-Gemeinschaft zurück. Mit Blick auf diese Diskussion weist Hellmann kritisch auf den Einsatz des Gemeinschaftsbegriffes hin, der in den einschlägigen Texten eher ungenau verwendet wird. In den zwei letzten Kapiteln wendet sich Hellmann zuerst der Semantik des Konsumenten und dessen Publikumsrolle zu, wobei er die Diskussion des „Prosumers" berücksichtigt. Zuletzt diskutiert Hellmann Konsum in dreierlei Hinsicht: Erstens fragt er nach dem Konzept von Konsum als Kommunikationsform. Zweitens analysiert er den Zusammenhang zwischen Konsumstil und Gesellschaftsform (segmen-täre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung). Hierbei argumentiert er, dass der Konsumstil in der funktional differenzierten Gesellschaft soziale ungleichheit „mit dem Anspruch auf maximale Individualisierung" (S. 228) kommuniziert. Drittens analysiert Hellmann den Konsum mit Hilfe der unterscheidung von Medium und Form, wobei er fragt, inwieweit Konsum in der modernen Gesellschaft Familie, Schicht und Arbeit als „universales Inklusionsmedium" (S. 237) funktional äquivalent ablöst. In der „Zugabe" diskutiert Hellmann die Anti-Weihnachtsbewegung. Hierbei legt er den Fokus auf die strukturelle Abhängigkeit von der Pro-Weihnachtsbewegung und die paradoxe Präferenz von Ablehnung.

Die Vielfalt an Problemstellungen und Themengebiete werden stets im Diskussionskontext verortet, wobei Hellmann nicht vor disziplinären Grenzen Halt macht. Damit gewinnt das Buch nicht nur für die Soziologie an Relevanz, sondern schafft Anschlussstellen für andere Disziplinen. Diese disziplinäre Öffnung wird jedoch auch zur Gratwanderung, da sie stellenweise zu trivialen Aussagen und Floskeln führt, die kaum (soziologische) Einsichten bieten oder gar wie Management-Ratschläge klingen. Davon abgesehen, zieht Hellmann ein breites Begriffsinstrumentarium heran, um die vielfältigen Problemkomplexe zu analysieren. Dabei greift er insbesondere auf Luhmanns Systemtheorie zurück. unter anderem dienen strukturelle Kopplung, die unterscheidung von erster/zweiter Ordnung, Medium und Form, Code, Semantik und Rolle als wichtige Konzepte zur Analyse der Marke als gesellschaftliches Phänomen. Daraus ergeben sich jedoch Probleme. Obwohl die Nützlichkeit dieser Perspektive für die systemtheoretische Soziologie außer Frage stehen dürfte, wird deren theoretischer Mehrwert im Vergleich zu anderen Perspektiven nicht oder ungenügend hervorgehoben. Dies scheint nicht zuletzt deswegen wichtig, weil die Systemtheorie noch immer vielfach skeptisch betrachtet und, mehr als andere Theorien, wiederholt zur Selbstlegitimation aufgefordert wird. Ungeachtet dessen ergibt sich ein Problem hinsichtlich der unterschiedlichen Konzeptualisierun-gen der Marke. Durch die Vielfalt an verwendeten Konzepten der Systemtheorie, aber auch anderer Ansätze, bleiben die Verbindungen und Kompatibilität der verschiedenen Begriffsdefinitionen von Marken unklar (etwa Marke als strukturelle Kopplung zwischen Unternehmen und Kundschaft, als Kommunikationsform, als Medium). Es entsteht der Eindruck eines Nebeneinanders von Begriffen und Definitionen. Zu dieser wagen Begriffslage kommt hinzu, dass Hellmann weitere Theorien und Konzepte heranzieht. Obwohl er scheinbar die Systemtheorie als grundlegende Perspektive verwendet, wird nicht immer klar, inwiefern die zusätzlichen Begriffe und Perspektiven hierzu passen oder passend gemacht werden können. Diese theoretischen und konzeptuellen Probleme verweisen letztlich auf das Fehlen eines klar abgesteckten und ausgeführten Theorierahmens. Mit Blick auf die Vielfalt an Problemstellungen und Themen zu Marke und Kon-

sum, könnte man diese theoretische und begriffliche Offenheit von Hellmanns Studien als logische Folge betrachten. Zieht man aber in Betracht, dass die ursprünglichen Texte für diese publikation speziell erweitert und verändert wurden, liegt die Erwartung eines einheitlichen Theorierahmens oder zumindest einer Rechtfertigung der gewählten Strategie nicht allzu fern. Gerade weil es scheint, dass die Systemtheorie die Funktion eines solchen Rahmens erfüllt, erstaunt die fehlende Gesamteinbettung der einzelnen Kapitel durch eine Einleitung und/oder ein Schlusswort.

Trotz der vorgebrachten Kritik muss betont werden, dass Hellmanns Studien viele der aktuell diskutierten probleme und Themen abdeckt und mit seinen systemtheoretisch angeleiteten Analysen den einen oder anderen Beitrag dazu leistet. Man kann das Buch deshalb sowohl als breite Ein- als auch Weiterführung einer Soziologie der Marke lesen.

Komplexitätsforschung

Füllsack, Manfred: Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten. Eine Einführung in die Komplexitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. 335 Seiten. ISBN: 978-3-531-17952-0. Preis € 34,95.

Klaus G. Troitzsch

Mit seinem Lehrbuch „Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten" legt Manfred Füllsack ein Lehrbuch vor, das, so steht es im Vorwort, an Leser gerichtet ist, die mit einem „Mindestmaß an Bereitschaft, im Versuch, sich neue, unvertraute Zusammenhänge zu erschließen, gelegentlich auch ins Schwitzen zu kommen," (S. 19) versehen und „an Lösungen für soziale Probleme" interessiert sind, die sich „auf Einsichten und Erkenntnisse ... gründen, die die Komplexitätsforschung und an sie anschließende Disziplinen in den letzten Jahren hervorbringen" (S. 13). Der Titel dieses Lehrbuchs markiert eine „Paradoxie" (S. 13), die sich allerdings in allen Beispielen aus der Komplexitätsforschung und der computational social science schnell als ein alltägliches Problem vieler Wissenschaften entpuppt. Überall, wo Rückkopplungseffekte auftreten, von der thermostatgesteuerten Heizung, die auch in diesem Buch nicht fehlt, bis zu Thomas Schellings Segregationsmodell, das ebenfalls nicht fehlen darf, hat man es mit Phänomenen zu tun, bei denen der gegenwärtige Zustand eines Systems und seiner Umwelt die künftigen Änderungen dieses Zustands bedingt. Die klassische Methode, solche Rückkopplungseffekte formal zu beschreiben, ist die der Systeme gekoppelter Differential- oder gekoppelter Differenzengleichungen. Nur die letzteren werden in diesem Buch an mehreren Stellen genutzt (Differentialgleichungen werden nur an zwei Stellen kurz erwähnt, einmal mit dem Hinweis darauf, dass sie meistens „versagen" (S. 169) - aber ihr Problem ist weniger, dass sie in den meisten interessanten Fällen keine analytischen Lösungen haben, sondern dass sie das Zusammenwirken vieler einzelner Elemente nur höchst unvollkommen abbilden).

Rückkopplungseffekte sind alsbald Gegenstand des Abschnitts 1.2, wobei anzumerken ist, dass die Beispiele in den Abb. 1.6 und 1.9 zwar so aussehen, als seien sie Ergebnisse einer Rückkopplung, aber mit den ihnen zu Grunde liegenden Gleichungen wird lediglich jeweils ein kinetisches System beschrieben. Bei Abb. 1.9 kommt hinzu, dass

die Graphik bei x = 100 abgebrochen wird, obwohl sie jenseits von x = 100 fast genauso aussieht wie Abb. 1.6, d. h. auch hier liegt keineswegs eine gedämpfte Schwingung vor. Ähnliche Ungenauigkeiten finden sich auch an anderen Stellen dieses Buches. So etwa die Behauptung, die thermostatregulierte Heizung sei ein Beispiel für einen Grenzzyklus (mindestens im Beispiel von Abb. 1.10 ist sie das sicherlich nicht, denn dann müsste die Temperatur im Raum ausgehend von 10° C mit immer größer werdender Amplitude zwischen 5° C und 15° C bzw. zwischen 8° C und 12° C periodisch zu schwanken beginnen, würde allerdings in endlicher Zeit beide Grenzen in beiden Fällen niemals genau erreichen, und außerdem müssten Innen- und Außentemperatur des Bienenstocks voneinander abhängen, was hier gerade nicht unterstellt wird). Ähnlich ist Abb. 1.24 irreführend, insofern man leicht nachrechnen kann, dass das dort dargestellte SIS-System aus der Epidemiologie nur mit k = 0,03 statt 0,3 einen steady state, allerdings nicht bei 15 %, sondern bei 6 % Ansteckbaren, findet.

Es ist sicher müßig, weitere Ungenauigkeiten dieser Art zu erwähnen, denn sie schmälern den Wert dieses Buches nur geringfügig. Insgesamt gibt das Buch nämlich einen guten Überblick über all das, von dem sozialwissenschaftlich und sozialphilosophisch interessierte Leserinnen und Leser über die Grundlagen der Komplexitätsforschung und der computational social science einmal gelesen haben sollten. Wenn auch manchmal der Eindruck entsteht, dass nicht immer die allerneueste Literatur berücksichtigt worden ist, so ist doch deutlich, dass wichtige Vertreter der Theorie des deterministischen Chaos, der Katastrophentheorie, der Theorien der zellulären Automaten, der genetischen Algorithmen und der neuronalen Netze, der Spieltheorie und der KI-Forschung auf einem Niveau referiert werden, das Neulinge auf diesen Gebieten nicht überfordert und der Weckung ihres Interesses nicht entgegen steht.

Gleichwohl hätte man sich an einigen Stellen noch etwas mehr Tiefe gewünscht. Aristoteles' Sinnspruch vom Ganzen, welches mehr als die Summe seiner Teile sei, hat längst besser diskutierbare Formulierungen gefunden, etwas in Mario Bunges Systemtheorie (1979), nach der man besser sagen sollte, dass die Historie eines Systems mehr ist als die Vereinigungsmenge der Historien seiner Bestandteile. Ein weiterer allgemeiner Kritikpunkt ist, dass die besondere Art der Komplexität menschlicher sozialer Systeme im Gegensatz zur Komplexität sonstiger lebender oder toter Systeme nicht deutlich genug herausgearbeitet wird. Viele der Beispiele stammen aus dem Bereich der Biologie (Bienen, S. 40-41, Ameisen, S. 249-251), der Ökologie (Räuber-Beute-Modell, S. 44-55) oder der Epidemiologie (SIS- und SIR-Modell, S. 65-72), und selbst wenn von menschlichem Verhalten die Rede ist, wird ein wesentlicher Aspekt ausgeblendet: Menschen interagieren in den meisten Fällen (und in fast allen aus sozialwissenschaftlicher und sozialphilosophischer Sicht interessanten Fällen) durch den Austausch von Symbolen, nicht durch den Austausch von Pheromonen (S. 249-251) oder von Krankheitserregern (S. 65-72) oder gar durch gegenseitige Vernichtungsversuche (S. 44-55, S. 209-212). Am ähnlichsten einem menschlichen sozialen System kommen noch die Beispiele aus der Spieltheorie (Kap. 4), aber auch hier hätte gesagt werden sollen, dass das All-mende-Problem durch die Schaffung von Institutionen gelöst werden kann, die ihrerseits typischer Weise in die Aufstellung von Verbotsschildern und die Publikation von Rechtsvorschriften mündet, d. h. in symbolische Interaktionen. Zwar werden auf S. 231-232 die second-order emergence und die Immergenz kurz erwähnt, aber dass diese beiden

Begriffe im Zentrum einer Theorie der Komplexität menschlicher Sozialsysteme stehen (sollten), wird nicht weiter aufgegriffen; stattdessen wird das Entstehen von Kooperation im „Demographischen Gefangenen-Dilemma" auf S. 232 mit dem Aussterben der nicht Kooperativen erklärt, ebenso wie auf S. 206 das Zustandekommen des Rechtsfahrgebots auf kontinentalen Straßen damit erklärt wird, dass „viele der Linksfahrer ... in Verkehrsunfällen [sterben und dass sich] ihre Gene ... also weniger stark reproduzieren und damit den Rechts-Fahr-Genen in der nächsten Generation einen noch stärkeren Vorteil einräumen." Angesichts der Tatsache, dass tödliche Straßenverkehrsunfälle erst seit etwa vier Generationen an der Tagesordnung sind, ist das sicher keine ausreichende Erklärung; stattdessen, und das könnte selbstverständlich auch ein Ergebnis einer Simulation menschlichen Verhaltens sein, genügt die Beobachtung und Interpretation dessen, was auf Straßen passiert (als second-order emergence), damit sich alle Verkehrsteilnehmer nach der Mehrheit der gerade sichtbaren anderen Verkehrsteilnehmer richten (und bei genügender Verkehrsdichte kommt es dann zu dem lock-in-Prozess, eventuell schon bevor ein Gesetzgeber in seiner Straßenverkehrsordnung ein Rechtsfahrgebot erlässt). Colemans oft (aber nicht bei Manfred Füllsack) zitiertes „Boot" vermag das gleiche Phänomen, der Wechselwirkungen zwischen Mikro- und Makroebene oder zwischen Systemelement und System, ebenfalls zu erklären, und damit verschwindet die scheinbare Paradoxie der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten.

Emotionssoziologie

Sieben, Barbara, undÄsa Wettergren (Hrsg.): Emotionalizing Organizations and Organizing Emotions. London: Palgrave Macmillan 2010. 295 Seiten. ISBN: 978-0-230-250154. Preis: £ 60,-.

Nina R. Jakoby

Organisationen weisen keine rationalen, bürokratisch-formalen und emotionslosen Strukturen im Weber'schen Sinne auf, sondern bieten ein reiches Untersuchungsmaterial für eine Soziologie der Emotionen. Die vielseitigen Verbindungen zwischen Organisationen und Emotionen aufzuzeigen, ist Ziel des vorliegenden Sammelbandes Emotionalizing Organizations and Organizing Emotions von Sieben und Wettergren. Die insgesamt dreizehn Aufsätze sind aus der 8th Conference of the European Sociological Association (ESA) des Research Networks Sociology of Emotions (RN11) im Jahr 2007 hervorgegangen. Dieser Entstehungshintergrund ist wichtig für das Verständnis der Konzeption des Sammelbandes, der Studien von etablierten Wissenschaftlern, zum Beispiel Helena Flam und Stephen Fineman sowie Nachwuchswissenschaftlern verschiedener Fachdisziplinen aus Großbritannien, Spanien, Schweiz, Deutschland, Schweden, Österreich, Dänemark, USA und Australien vereint. Zentral für diesen Band ist somit der transdisziplinäre, internationale charakter und die Vielfalt von Forschungsthemen. Die Beiträge diskutieren eine Bandbreite an Organisationsfeldern und -typen, jedoch ist eine Dominanz des personenbezogenen medizinisch-pädagogischen Dienstleistungssektors festzustellen (Sozialarbeit, Pflege, medizinische Telefonberatung, Kinderbetreuung). Sie beleuchten vor allem

die Rolle von Emotionen in alltäglichen Arbeits- und organisationalen Prozessen und Unternehmensroutinen, aus Angestellten- und Organisationssicht. Hierzu gehören auch Organisations- und Managementthematiken wie Empowerment, emotionale Intelligenz, Motivation und Commitment.

Der Titel Emotionalizing Organizations and Organizing Emotions verdeutlicht zwei thematische Schwerpunkte, nach denen die Beiträge im Inhaltsverzeichnis gegliedert sind. Teil I „Emotionalizing Organizations" sind insgesamt acht Beiträge zugeordnet und Teil II „Organizing Emotions" fünf Beiträge. Erstere fokussieren auf die Rolle von Emotionen in organisationalen Strukturen und Prozessen, als Objekte und Konsequenzen der Arbeit. Im zweiten Teil soll der Frage nachgegangen werden, wie Organisationen das Lernen und die Kontrolle von Emotionen aufseiten ihrer Mitglieder beeinflussen und welche organisationsspezifischen emotionalen Regime und Organisationsnormen für das Gefühlsmanagement zu identifizieren sind. Sehr gut gelungen ist der einleitende Überblick der Herausgeberinnen, der den Ausgangspunkt des Sammelbandes bildet. Er liefert zugleich eine knappe und präzise Übersicht über die klassischen emotionssoziologischen Ansätze von Hochschild, Kemper oder Collins, das Forschungsfeld Emotionen und Organisationen sowie eine Positionierung des Forschungsparadigmas der im Sammelband vereinten Aufsätze. Diese werden von den Herausgeberinnen als der interpretativen Perspektive zugehörig verortet. Im Vordergrund steht insbesondere die Thematisierung von Gefühlsregeln und der Praxis des Emotionsmanagements basierend auf der interaktionistischen Emotionssoziologie und somit die Konstruktion und Bedeutung von Emotionen im sozialen Leben von Organisationen und Unternehmensstrukturen. Emotionen als multidimensionale Realitäten sind mehr als rein innere Abläufe oder psychologische und biologische Zustände, sondern werden in Interaktionen mit anderen erlebt, geframt und durch Sprache und soziale Praktiken reproduziert. Erfahrung und Ausdruck von Emotionen unterliegen historischen und soziokulturellen Einflüssen (S. 7). Der erste Teil des Sammelbandes „Emotionalizing Organizations" gibt Einblick in Themenstellungen wie die Verschiebung des Managementkonzeptes von Klienten hin zur Kundenorientierung am Beispiel der Sozialarbeit und den damit verbundenen emotionalen und sozialen Konsequenzen für Angestellte (Stephen Fineman), psychoanalytische Kritik an dem Konzept des Emotionsmanagements in Dienstleistungsberufen (Yiannis Gabriel), organisational Voraussetzungen für das Erlebnis von positiven Emotionen in der Altenpflege (Nicole Bornheim), die Bedeutung von Emotionen in Einstellungsverfahren und für die Personalrekrutierung (Christian Imdorf), eine emotionssoziologische Analyse von Empowerment (Poul Poder), Mobbing in Unternehmen (Charlotte Bloch), Gewalt in Organisationen, Vergewaltigung und die strukturelle Organisation von Unterdrückung und Stillschweigen (Helena Flam, Jeff Hearn, Wendy Parkin) sowie Emotionen von Migranten in Warteschlangen für Aufenthaltsbewilligungen vor spanischen Polizeistationen (Alberto Martín Pérez). Die Aufsätze im zweiten Teil „Organizing Emotions" diskutieren die Rolle von Emotionen und Ritualen für politische Mobilisierung in der bürokratischen Organisation einer italienisch-kommunistischen Partei in den 1940er Jahren (Andrea Cossu), emotionale Konsequenzen der deutschen Arbeitsmarktreform und Gefühlsregeln für Angestellte der Bundesagentur für Arbeit als kundenorientierter Dienstleister (Sylvia Terpe, Silvia Paierl), Organisationswandel und die Implementierung des „Learning by Listening"-Konzeptes zur Verbesserung der emotionalen Intelligenz von Angestellten und Kindern

in Kinderbetreuungseinrichtungen (Debra King), emotionale Neutralität in der medizinischen Telefonberatung (telenursing) (Vesa Leppänen) und emotionale Intelligenz als emotionales Regime zur Selbstdisziplinierung im flexiblen Kapitalismus (Carmen Bau-meler). Besonders hervorzuheben sind die Beiträge, die Organisationen als Systeme von Regeln für das Emotionsmanagement und ihre Konsequenzen für die Angestellten kritisch reflektieren (Fineman, Gabriel, Poder, Flam/Hearn/Parkin, Pérez, Baumeler) sowie Studien, die den Schwerpunkt auf Diskriminierung und Erniedrigung in Organisationen legen (Bloch, Flam/Hearn/Parkin). Damit fokussieren sie auf die alltägliche verbale und physische Gewalt wie Mobbing und sexuelle Belästigung in Organisationen und das Leid der Opfer. Neben der strukturellen Ebene (Makro) von Gewalt und ihrer Verankerung mit hierarchischen, patriarchalen Machtverhältnissen und sozialen Ungleichheiten, sind interne Organisationsstrukturen und -kulturen, Hierarchien und Machtbeziehungen auf organisationaler (Meso) und individueller Ebene (Mikro) verantwortlich (S. 149).

Betrachtet man in diesem Zusammenhang die empirischen Untersuchungen, so fällt auf, dass ausschließlich qualitative Studien präsentiert werden, die eine Fülle von Methoden verwenden (Fallstudien, ethnografische Studien, teilnehmende Beobachtung, Inhaltsanalyse, qualitative Interviews). Neben dieser Einseitigkeit der empirischen perspektive, die dem interpretativen paradigma geschuldet ist, ist in verschiedenen Beiträgen die Kritik an der Begrenztheit von quantitativen Methoden für die Emotionssoziologie im Allgemeinen und für das spezifische Themenfeld von Emotionen und Organisationen auffällig. Gleichzeitig erfolgt jedoch keine differenzierte Betrachtung der eigenen Methoden, z. B. die problematik der sozialen Erwünschtheit in qualitativen Interviews oder die mangelnde Repräsentativität der Stichproben. Der Kritik an einer „Quantifizierung von Emotionen" steht keine Selbstreflexion der qualitativen Methodologie gegenüber.

Zusammenfassend betrachtet liefert der Band von Sieben und Wettergren einen umfassenden Einblick in das komplexe Forschungsfeld von Emotionen in Organisationen, die Multidimensionalität von Emotionen und ihre Manifestationen in organisationalen Strukturen und Prozessen. Themenvielfalt und Internationalität sind Stärken des Bandes. Aufgrund der pluralität der qualitativ-empirischen Spezialstudien im Hinblick auf Länder, Themen und Organisationsfelder wäre jedoch eine noch stärkere Systematik und Strukturierung der Beiträge wünschenswert gewesen. Diese Kritik soll aber nicht den Verdienst des Sammelbandes als originellen Beitrag für eine Vertiefung des noch jungen, interdisziplinären Forschungsgebietes und eine Sensibilisierung für die Relevanz der Analyse von Emotionen in Organisationen schmälern.